Livereview: Clawfinger - Calm Chaos
14. Januar 2006, X-Tra Zürich
By Sven M.
Die schwedischen Crossover Götter Clawfinger, live in Zürich , waren bestimmt die beste Alternative zu den Fasnachtsfesten, die im Moment Wochenende für Wochenende die Leute mittels Bier und Alcopops zum unfreiwilligen Leeren ihrer Mägen bringen. Was ja im X-Tra sowieso unmöglich ist, denn wer lässt sich schon abfüllen, wenn ein Bier (0.5l) zehn Franken kostet? Eben..., wie dem auch sei, der Laden war voll und nur 500 Tickets wurden nicht verkauft. Nun kämpfte ich mich also frisch aufgewärmt in die erste Reihe und genoss die Show.

Calm Chaos
Um 19.45 Uhr wurde der MTV-Krach, der aus den Boxen schoss, leiser und sechs kurlige Schweden betraten die Bretter. Alle, ausser Sänger Patric, in weissen Chefkoch Uniformen – war ein geiler Anblick. Keine Band hätte einen besseren Konzertauftakt hingelegt, als diese durchgeknallten Gestalten. Ihre Nu Metal und Crossover Akrobatik kam beim relativ jungen Publikum bestens an, einigen schwirrte sogar der Text in den Hirnwindungen, was sie folglich zum Mitsingen anregte. Den Knalltüten auf der Bühne reichte, zu meinem grossen Erstaunen, ein Bassist nicht! Nein, es musste noch ein zweiter Viersaiten-Zupfer in die Band. Der Sinn und Zweck davon erreichte meine Ohren leider nicht, aber es war allemal ein schönes wie unübliches Bild. Wo wir gerade bei "schönen" Bildern sind – sagt Euch der Name Angus Young etwas? Tatsächlich? Nun, in dem Fall hättet ihr Euch die Augen gerieben in Zürich, da der Leadgitarrist der nordischen Chaos-Truppe ein glattes Double des eben Erwähnten war. Einzig die Haarfarbe unterschied noch zwischen ihm und dem Original, Verhalten und Frisur stimmten nämlich überein. Das Publikum war nun also nach guten dreissig Minuten auf Temperatur gebracht, deshalb Bühne frei für die Götter.

Clawfinger
Nun schlug es 20.30 Uhr und ich bekam keine Luft mehr. Ja, Ihr ahnt schon warum, und Ihr solltet Recht behalten. Allen voran Sänger Zack, stolzierten fünf Skandinavier im Gänsemarsch auf die Bühne und liessen es sogleich auf schwedische Art krachen. Mit "What we've got" nahm der Crossover-Sturm seinen Anfang und brachte die Stahlträger zum Glühen. Nach guten fünf Minuten hatte mein Brustkorb nur noch die Breite einer Pizzaschachtel, der Druck der Menschen hinter mir war gigantisch. Der Bass-Propeller André wirbelte im Kreis herum, wobei er, gleichzeitig wie vom Affen gebissen, mit dem Kopf rotierte und dazu an seiner Bassgitarre rum zupfte. Die aufmerksamen Sicherheitsleute verteilten regelmässig Wasser an diejenigen, die sich nur noch mit Mühe und Not auf den Beinen halten konnten, denn der Druck liess nicht nach. Gelegentliche Sprünge ins Publikum liess sich Zack auch nicht nehmen, sehr zur Freude der Fans. Die fünf Energiekanonen auf der Bühne hatten die Meute total unter Kontrolle, es wurde mitgesungen, bis die Kehlköpfe platzten. Eine kurze Pause wurde uns erst gegönnt, als sich Zack spontan in ein T-Shirt zwängte, das ihm ein Fan zugeworfen hatte. Danach wurde der Gig mit dem Song "Right to rape" fortgesetzt und damit wieder einmal ein ernstes Thema angesprochen, einfach mit einem geilen Groove unterlegt. Mittlerweile herrschte eine Temperatur von "circa 598C" in dem vollen Lokal, doch das störte Niemanden bei dieser zum Abspritzen geilen Show. Riesen Unterhaltungswert lieferte auch Keyboarder Jocke, der, wenn er gerade nichts zu tun hatte, wild umher rannte und mit seiner Digitalkamera ein wenig das Publikum knipste. Gegen 22.00 Uhr schwand die Power von beiden Seiten und der Schlusstakt wurde eingeläutet. Vier Zugaben später bedankten sich Clawfinger noch von ganzem Herzen, bevor die Jungs hinter dem Vorhang verschwanden. Fast zwei Stunden geballte Crossover Power, die sich soundtechnisch wie showmässig auf alle Fälle gelohnt haben.

Set-Liste: "What we've got", "Hate youself with style", "Two sides", "Recipe for hate", "World domination", "Dirty lies", "Money, power, glory", "Nothing going on", "Breakout", "Catch me", "Rosegrove", "Nigger", "Right to rape", "Burn in hell", "Biggest & the best", "Without a case", "Tomorrow", "The truth", "Do what I say".