Livereview: Krokus (Abschiedkonzert)

07. Dezember 2019, Zürich – Hallenstadion
By Tinu   Pics: Roxx
Das soll es also nun gewesen sein mit Krokus? Einer Band, die nicht nur Amerika im Sturm eroberte, sondern auch den amerikanischen Lifestyle in die tristen Stuben des Jurasüdfuss-Maloches zauberte. Die Jungs schnupften nicht nur das "grösser, höher, tiefer" der US of A, sondern auch an den zahlreichen süssen Lippen der US-Ladys. Sie hatten vielleicht nicht die gleichen ausufernden Partys wie Mötley Crüe, aber waren sicher zerstrittener als Nikki Sixx und Konsorten. Das ging so weit, dass man in Solothurn für eine gewisse Zeit die Strassenseite wechselte, als man das ehemalige Bandmitglied sah, mit dem man nicht nur das Groupie teilte.

Hätte Chris von Rohr nicht eine so grosse Klappe gehabt… Sorry hätte er die selbst heute nicht mehr… Wäre Fernando nicht das musikalische Getriebe gewesen, der selbst eine Inspiration von auf die Küchenkombination fallendem Besteck zu einem Song kredenzt… Hätte Malta nicht einen solch wilden, jungen und ungehobelten Sänger ans Tageslicht gebracht, der mit seiner Art massgeblich dazu beigetragen hat, dass man von der Def Leppard-Tour flog… Wäre Mark Kohler eine nicht dermassen konstante Rhythmus-maschine gewesen an den sechs Saiten und hätten die ewigen Streitereien nicht dazu beigetragen, immer in der Boulevard-Presse aufzutauchen, wer weiss, was aus Krokus geworden wäre? Eine Combo, die sich so oft gestritten hat, wie auch wieder zusammengerauft, um dann heraus zu finden, dass man mit den Marotten einzelner doch nicht mehr klarkommt. Wie sagte Chris immer wieder? Dass er den spiessbürgerlichen Sumpf hinter sich lassen wollte und mit seiner Art nichts anderes war als der Initiator einer kleinbürgerlichen Seifenoper? Oder war es gerade das, was die Truppe, neben den unglaublichen Songs, so beliebt machte? War es nicht diese Mixtur, die es an diesem Abend brauchte, damit das Hallenstadion nochmals restlos ausverkauft wird? Am Ende des Tages spielt es keine Rolle, denn Krokus haben mit «Metal Rendez-Vous» (in der Schweiz Vierfachplatin), «Hardware» und speziell «One Vice At A Time» und «Headhunter» (Platin in den USA) Klassiker für die Ewigkeit veröffentlicht.

Okay, «Metal Rendez-Vous» bleibt in meinen Augen überbewertet, da waren es schon eher «One Vice At A Time» und natürlich «Headhunter», bei denen ich wohl jede Note in- und auswendig kenne. Aber so sind die Geschmäcker unterschiedlich und das ist auch gut so. Verschweigt man aber fast ein Vierteljahrhundert der Krokus-Geschichte, weil sie angeblich nicht wichtig sei, mutet das schon einer bösartigen Unterstellung an. Seien wir ehrlich, gerade ohne diese 25 Jahre, hätten es Krokus sehr wahrscheinlich nie mehr geschafft an die alten Erfolge anzuknüpfen, denn auch in dieser, von Mister von Rohr oftmals verschmähten Zeit (er war zu dem Zeitpunkt kein Bandmitglied), gab es viele tolle Alben.

Kommen wir aber zum Abschiedskonzert. Ist es denn wirklich eines? Werden die Herren nie mehr zusammen auf der Bühne stehen? Oder wird das Geld einmal mehr locken, wie bei Mötley Crüe? Gehen wir davon aus, dass es das letzte (zumindest in der Schweiz) war, dann darf man durchaus sagen, dass es ein verdammt gutes war. Auch wenn beim Film «As Long As We Live» Pfiffe vom Publikum zu hören waren. Wieso eigentlich? Wegen Butch Stone, der die Band ausnahm wie die berühmte Weihnachtsgans oder weil man sich den Film nicht antun wollte? Liebe Besucher, jetzt aber mal Hand aufs Herz. Wer will eine unnötige Vorband an einem solchen historischen Abend? Eben, ich auch nicht! Darum fand ich die Filmausschnitte (der ganze Movie wurde wohl bewusst nicht gezeigt) nicht nur lustig, sondern sehr authentisch. Die coole Schnauze von Chris und die nicht minder fantastischen Aussagen von Fernando zeigen deutlich die Chemie, welche die beiden Stützen der Truppe ausmachte. Auch wenn die Herren Musiker unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach dem Film ging es nahtlos in einen zweistündigen Set über, der logischerweise nicht allen gefallen konnte, welche die Truppe über all die Jahren begleitete. Dass zu Beginn nicht «Headhunter», wie sonst auf den Konzerten der «Adios Amigos»-Tour, gespielt wurde, war für mich unverständlich. Kein anderer Song hätte diesen Abend besser starten können, als der Trommelwirbel dieser Überhymne zu Beginn des Gigs. So war es «Long Stick Goes Boom», welcher den Abend einläutete, dicht gefolgt von «American Woman». Beide wurden mit tollen Filmen auf den drei Video-Screens begleitet. Ja, meine Lieben, gewisse Filmausschnitte kannte man von KISS oder den Scorpions, aber meine Güte, die tanzenden Ladys gehören nun mal zu der «American Woman». Hier bewies Marc Storace einmal mehr, welch begnadeter Sänger er noch immer ist und schrie sich seine Stimmbänder warm. Mit Feuersäulen und Papierschlangen geizte das Sextett nicht, und so war trotz fehlendem «Headhunter» der Einstieg nahezu perfekt. Dies auch dank eines immer sehr druckvollen Sounds. Mit «Rock'n'Roll Tonight» und einem Medley, bestehend aus dem famosen «Rock City», dem groovigen «Better Than Sex» und dem eher belanglosen «Dög Song», bei dem ich mich mehr auf den Strassenköter im Film konzentrierte als auf den Song, ging es weiter. Was danach folgte, war eine unglaubliche Dynamik und Dramatik mit «Winning Man», ein Track, der langsam startet und furios endet. Die musikalische Zeitreise ging weiter mit alten Liedern («Tokyo Nights», «Fire», dem bärenstarken «Eat The Rich») und neueren Songs («Hellraiser», dem laut mitgesungenen «Hoodoo Woman», «Live For The Action»). Grundsätzlich ein in sich stimmiges Set, das richtig Fahrt aufnahm mit «Rockin' In A Free World», «Easy Rocker» und «Heatstrokes». Das tolle Konzert lebte von der Dreier-Gitarrenpower (Fernando von Arb, Mark Kohler, Mandy Meyer), bei der einmal mehr Fernando der absolute Chef im Ring war. Nichts gegen die handwerklichen Qualitäten von Mandy, aber wenn Mister von Arb in die Saiten greift, dann verbinden sich Dynamik, Power, Durchschlags-kraft, Leidenschaft und purer Rock'n'Roll eben.

Mit dem Zugabe-Block hätte Krokus nochmals alles in den Boden rocken können. Der Einstieg mit der wunderschönen Ballade «Screaming In The Night» war äusserst genial, geriet in meinen Ohren aber mit «Dirty Dynamite» und «Back Seat Rock'n'Roll» ins Wanken. Ja, ich weiss, das sah wohl nur ich so, denn die Fans feierten die Herren ab. Hier aber mehr Mut zu zeigen und zum Beispiel «Wild Love», «Bad Boys Rag Dolls», «Save Me», «Rock The Nation», «Boys Nite Out» oder «Stand And Be Counted» einzubauen, wäre eine sensationelle Überraschung gewesen. Dass «Bedside Radio» ganz am Schluss gespielt wurde, war so sicher wie AC/DCs «For Those About To Rock» oder KISSs «Rock'n Roll All Nite». Auch dass «Quinn The Eskimo» der obligate Rausschmeisser sein würde. Fazit: Es war in meinen Augen eine würdige Abschiedsshow, die mich als Fan zu jeder Epoche (okay, klammern wir «Round 13» mal aus), sicherlich den einen oder anderen Song vermissen liess. Für die zahlreichen Fans im Hallenstadion wurden garantiert die richtigen Tracks gespielt. Das liess der Applaus vermuten und das ist es, worauf es ankommt. In diesem Sinne freue ich mich auf Fernando und seine Bad Ass Romance und danke Krokus für über vierzig Jahre «Kick Ass Rock'n'Roll». Lieder, welche mich durch viele Lebensphasen begleiteten und die mir in Form von «Winning Man» oder auch «Headhunter» immer wieder den Weg wiesen. Ich verneige mich vor einer Truppe, bei welcher das Abschiedskonzert keine desaströse Aufführung war, sondern ein Gig, den ich in bester Erinnerung behalten werde und bei dem ich nach dem letzten Ton ein paar Sekunden brauchte, um mich von Krokus zu verabschieden…

Setliste: «Long Stick Goes Boom», «American Woman», «Rock'n'Roll Tonight», «Rock City / Better Than Sex / Dög Song», «Winning Man», «Hellraiser», «Tokyo Nights», «Hoodoo Woman», «Eat The Rich», «Fire», «Live For The Action», «Rockin' In A Free World», «Easy Rocker», «Heatstrokes / Drum Solo Flavio Mezzodi» - «Screaming In The Night», «Dirty Dynamite», «Back Seat Rock&'n'Roll» - «Beside Radio», «Mighty Quinn»