Livereview: Long Distance Calling - Sólstafir - Sahg

12. März 2013, Aarau - Kiff
By Michel A. (mch) & Kissi (kis)

Es ist keine unbekannte Tatsache, dass das Veröffentlichen guter Scheiben und das Spielen ebenso guter Konzerte zwei Paar Schuhe sind. Kann man das Eine, muss das Andere nicht unbedingt gelingen. Nein, weder die Deutschen Shooting Stars Long Distance Calling als Headliner, noch die beiden Support-Acts Sólstafir und Sahg legten an diesem Abend eine schlechte Show hin. Souverän waren sie alle, genauso wie sie ihre Fans begeistern konnten.

Und dennoch: Alle drei Auftritte im für einen Dienstag überraschend vollen KIFF in Aarau zeigten, dass zwischen Scheibe und Bühne doch erhebliche Unterschiede entstehen können. So zerfiel für mich der sphärische Post Rock, wie ihn Long Distance Calling spielen und wie ich ihn in der CD-Review letzten Monat bejubelt habe, schnell in dröge Langatmigkeit. Wie dem auch sei, der überwältigenden Mehrheit inklusive meinem Mitrezensenten Michel Arduin mundete die Sache an diesem Abend, sodass LDC ihren Siegeszug ungebrochen fortsetzen werden. Doch schön der Reihe nach.

Sahg
Es ist Dienstag und so wird der erste Support-Act, Sahg aus Norwegen, pünktlich um 19:30 Uhr auf die Bühne geschickt. Nicht nur die frühe Spielzeit wird der Grund gewesen sein dafür, dass das Quartett nur bedingt auf Interesse stiess. Erstens fallen die Skandinavier mit ihrem Retro Doom Rock an diesem Abend doch etwas aus dem hippen Rahmen und zweitens sind Sahg trotz drei grossartigen Alben immer noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt in unseren Breitengraden. Oder lag es daran, dass der Vierer, der aus Mitgliedern namhafter Bands wie Gorgoroth, Audrey Horne (mit denen sich Sahg den Opener-Spot auf dieser Tour teilten), Manngard und I besteht, mit «Godless Faith» zwar virtuos und eindringlich, aber schleppend doomig loslegte? Die wenigen Sahg-Fans, zu denen auch ich mich zähle, jedenfalls feierten Black Sabbath nacheifernde Kracher wie das marschierende «Mortify» oder das groovende «The Executioner Undead». Was einem dabei aber nicht verborgen bleiben konnte, war einerseits das Fehlen der auf dem letzten Album «III» so gewichtigen Hammond-Orgel und andererseits die angekratzte Stimme von Fronter Olav. Der schaffte es an jenem Abend nämlich nur selten, in debil kreischende Ozzy-Lagen vorzudringen, was dem ansonsten überzeugend vorgebrachten Material etwas seiner düster bedrohlichen Morbidität beraubte. Ein beherzter, souveräner, die Erwartungen dabei aber nicht ganz erfüllender Auftritt, dem gerade die Long Distance Calling Fans nicht viel abgewinnen konnten. (kis)

Sólstafir
Da weckten Sólstafir schon mehr Gefallen, keine Ahnung warum. Kaum standen die Mannen aus Island auf der Bühne, ging im KIFF die Euphorie um. Ob bärtige Pagan-Metaller, bärtige Alternativ-Metaller oder bärtige Metalcorler, allesamt feierten sie die ebenfalls bärtige Band vom ersten entrückten Akkord des Opener «Ljós í Stormi» ab. Und um es noch einmal zu sagen: keine Ahnung warum! Zwar muss ich zugeben, dass die eigenständige Mischung aus nordischen Klängen, Emocore und Sludge-Elementen auf der Scheibe trotz Kitsch-Gefahr einen gewissen Sog entwickelt, live war davon jedoch wenig zu spüren. Beinahe gelangweilt vom eigenen Tun wirkte die Band, während sie taktlos überlange Songs wie «Svartir Sandor» oder das ambient-hafte «Goddess Of The Ages» runterwurstelte und Fronter und Gitarrist Ađalbjörn "Addi" Tryggvason sich dazu ungelenk nordische Melancholie und Schmerz aus der Brust jaulte, winselte und brüllte. Die zahlreichen Fans schien dies indes wenig zu stören und so bejubelten sie das Quartett ununterbrochen. Sólstafir scheinen mit ihrem Post-Pagan-Sound den Nerv der Zeit zu treffen. Die Eigenständigkeit und Ernsthaftigkeit, mit welcher der Vierer sich zwischen den Genres bewegt, hat einen Achtungsapplaus verdient, mehr meiner Meinung nach aber auch nicht, vor allem nicht live. (kis)



Long Distance Calling
Der Headliner startete ruhig und abgeklärt mit «Waves», dem Vorzeigelied ihres neuen Album. Zur Stimmung passte das blaue Licht, das der Atmosphäre im KIFF einen besonderen Hauch der Andersartigkeit verlieh und der Nebel, der alle Konturen verwischte. Während also im Off das Intro startete, woben die Jungs nach und nach und mit grossem Einsatz des Basses, einen Soundteppich, der sich sehen lassen konnte. Erst spät im Lied fand dieser zu seinem Höhepunkt. Doch darin sind die Jungs aus Münster Spezialisten. Sie verstehen es, gekonnt mit Rhythmen zu spielen. Mal sind sie leise und nachdenklich, mal voller Leidenschaft und Kraft. Jeder Ton sitzt, die Soli sind unglaublich gut und man merkt, dass die Jungs selbst grossen Spass daran haben, auf der Bühne zu stehen und miteinander zu spielen. Man vergisst, dass die Zeit vergeht, es gibt kein grosses Anfeuern, niemand hüpft herum oder schubst gar andere an, das Publikum konzentriert sich aufs Zuhören und Geniessen. Sie machen aber auch verdammt gute Musik. Wer Long Distance Calling noch nicht kennt, am ehesten lassen sie sich in der Sparte Postrock unterbringen, doch sie haben genug Metal-Riffs, um den Stempel des Progressiv-Metals tragen zu können. Am besten hört man sie sich (vorzugsweise live) an und bildet sich dann eine eigene Meinung. Aufgenommen hören sie sich meiner Meinung nach sehr elektronisch und fast schon steril an, aber live dagegen ist ihr Sound lebendiger und organischer.

Erstaunlich, dass die Band über die Hälfte des Auftritts zuwartete, bis sie ihren Sänger hervor holte, der dann mit seinen cleanen Vocals seinen Platz auf der Bühne souverän übernahm. LDC haben ja erst im 2012 (Bandgründung 2005) entschieden, einen ständigen Sänger in der Band aufzunehmen, der sich meiner Meinung nach prima zu den Instrumentals ergänzt, zumindest live. Ihr Auftritt ist die Art Erfahrung, bei der man auch mal mitten im Publikum die Augen schliesst, sich völlig der Musik hingibt und alles andere rundherum einfach vergisst. Nach getaner Pflicht und einer Pflicht-Zugabe verabschiedeten sich die sympathischen Jungs vom Publikum unter grossem Applaus. Was mich anbelangt, so haben LDC an diesen Abend einen neuen ständigen Fan hinzugewonnen. (mch)