Etwa ein Jahr nach dem Auftritt des Bochumers Gitarren-Virtuosen im Z7, kam es für Kollege Tinu und meine Wenigkeit zu einem Wiedersehen mit ARP, diesmal aber in Bern. Im Gegensatz zu Tinu – der im Bierhübeli seine Feuertaufe feierte – war es für mich eine Rückkehr an einen altbekannten Ort. Als ich noch jung war (also vor sechs bis sieben Jahren…, räusper…) besuchte ich diese Lokalität oft. Die Partys hörten damals auf den Namen "Down At The Doctors" oder "Eltern John", wobei es sich um rockige Abende handelte. Als DJ amtete damals der stadtbekannte Radio Förderband (jetzt Bern 1) Moderator Jüre Hofer. Ach waren das gute Zeiten damals, mit Bierpreisen, welche heutzutage wie aus dem Mittelalter wirken, sprich CHF 9.50 für einen halben Liter Gerstensaft jenseits von gut und böse sind!
Sonntage und Montage sind als Konzert-Tage ja nicht sonderlich beliebt, da viele Zuschauer nicht anfangs der Arbeitswoche schon ausgehen wollen. Doch an diesem Ostermontag war davon nichts zu bemerken. Obschon nicht ausverkauft, war das Hübeli sehr gut gefüllt, wobei einmal mehr auffiel, dass Axel Rudi Pells Publikum weitaus breiter gefächert ist als nur aus "Otto Normal Metallern". Die Vorfreude war also gross, auch wenn man meiner Meinung nach ruhig eine Stunde früher hätte beginnen können, damit auch alle ÖV-Benutzer bis zum Ende hätten bleiben können. (rön)
Neverland
Nebelsäulen, rotes Licht und das beleuchtete Logo der Band auf beiden Seiten der Bühne – das hinterliess durchaus einen entsprechenden Eindruck und machte Lust auf den Auftritt der melodischen Progressive-Band aus der Schweiz, welche nach der Reunion vor ein paar Jahren den deutschen Ex-Stormhammer Sänger Mike Zotter am Mikro stehen haben. Doch manchmal genügt bloss ein Blick hinüber zu Tinu, und wir wissen genau, was wir beide denken. Es tut mir ja wirklich leid, aber dieser Auftritt war eines ganz bestimmt nicht, nämlich gut. Besagter Sänger erwischte entweder einen schwarzen Montag oder er kann mit seiner Begleitband einfach nicht mithalten. Als Progressive Metal Band sollte schon ein Frontmann auf der Bühne stehen, der die Töne trifft und einen gewissen Range erreicht.
Nun, man könnte diese Schwächen ja zumindest mit einer mitreissenden Performance überdecken, doch das Gebotene gehörte leider eher in die Kategorie "einschläfernd". Sanges-Gott Johnny Gioeli vom Headlinder hatte nach einem halben Song schon für mehr Bewegung als Mike Zotter im ganzen Set gesorgt; von der Fähigkeit das Publikum abholen, ganz zu schweigen. Doch das soll jetzt nicht nur ein Sänger-Bashing werden, denn auch die Sache mit dem Keyboarder muss leider noch negativ erwähnt werden. Wenn eine Band auf ihrer Homepage die sphärischen Keyboards schon als Werbemittel aufführt, ist es halt schon fraglich, wieso dann von einem echten Tastenmann jegliche Spur fehlt. Die Ansage von Mike, dass man im Studio Derek Sherinian und Vitalij Kuprij als Keyboarder verpflichten konnte, diese aber für Live-Auftritte zu teuer seien, war dabei wenig hilfreich.
Hörte man sich nach dem Auftritt von Neverland etwas im Publikum um, wurde schnell klar, dass der Support von heute Abend kaum Sympathie-Punkte gesammelt hat. Dabei wäre das Potenzial durchaus da, denn Songs wie «Legends», «Life» oder «No Time To Loose» sind wirklich nicht von schlechten Eltern und zeugen davon, dass die Band keinesfalls talentfrei ist. So blieb aber schlussendlich nur die Erkenntnis, dass eine junge, hungrige Combo die Aufgabe als Support sicher besser zu nutzen gewusst hätte. (rön)
Setliste: «Legends» - «Timeless» - «Where Is The Sun» - «Fury» - «Life» - «Risk» - «Rain» - «No Time To Loose»
Axel Rudi Pell
Ja, ich gehöre auch zu den Stänkerern, welche die Setliste von Axel Rudi Pell immer wieder bemängeln. Dies liegt sicherlich auch daran, dass ich zu der Sorte Zuhörer tendiere, die in die Alben von ARP eintauchen und dabei viele Tracks finden, bei denen ich mir wünsche, dass der Gitarren-Virtuose sie auch spielt. Doch an diesem Abend passte das Set wie der berühmte Eimer auf den Arsch. Nicht dass Mister Pell seine Songs komplett ausgewechselt hätte, nein, er packte sie einfach an die richtige Stelle, und es machte verdammt Spass, den Jungs zuzuhören. Zudem war es eine Qualitäts-Steigerung gegenüber der Support-Truppe, was verdeutlicht, dass ARP eine Klasse für sich waren und den mauen Auftritt von Neverland locker in Vergessenheit geraten liessen. Axel liess es sich beim Solo von «Mystica» nicht nehmen, den Weg ins Publikum zu suchen und dort, durch die Fans schreitend, eine solistische Meisterleistung präsentierte.
Während er bei «Casbah» in blutrotes Licht eintauchte, hätte selbst der Teufel Angst gekriegt und wäre kommentarlos wieder in seinem Gehäuse verschwunden. Zudem hatte ich Bassist Volker noch nie so agil auf der Bühne erlebt. Als wolle er seine eigenen Parts feiern, schmiss dieser mit Gestiken und einer Körpersprache um sich, die zu einem weiteren Höhepunkt führte. Ferdy grinste derweilen zufrieden wie eh und je hinter seinen Keyboards hervor und liess bei seinem Solo durchblicken, dass Deep Purple sicherlich einer seiner Einflüsse sind. Wenn schon bei den Solos, so darf jenes von Bobby nicht in Vergessenheit geraten. Zwischenzeitlich bearbeitete er sein Schlagzeug mit den Händen, um am Schluss, mit einem gewaltigen Schlag auf den grossen Gong hinter ihm, einen mächtigen Abschluss zu servieren. Auch wenn die Band eine vorzügliche Leistung ablieferte, der Meister im Ring war einmal mehr Johnny, der mit seiner Stimme, seiner ungebremsten Performance und seinen Ansagen (wenn auch schon oft gehört) das Salz in der Suppe war.
Dabei trug der Ami mit italienischen Wurzeln nie zu stark auf, sondern wusste immer genau, was er wo zu sagen hatte: "Mein Deutsch ist kaputt, aber mein Swiss Deutsch ist scheisse" verständigte sich der Shouter in gebrochenem Deutsch und hatte die Lacher umgehend auf seiner Seite. "Is still Eastern? Nobody have go to work tomorrow. Tell your boss it's a free day, because it's the national Axel Rudi Pell day", verkündete er, während Volker ihn an seine Stirn fasste und Johnny erwiderte: "Yes, it's fever, about this amazing people here! Who see Axel Rudi Peel for the very first time? Security get the person out. No darling, I'm kidding, I love you". Mister Gioeli weiss, wie man das Publikum in den Bann zieht. "We are so fucking grateful, because you guys give us this life", bedankte er sich beim Publikum und dass er seinen Wunsch als 14-Jähriger noch heute ausleben darf. Johnny schwitzte wie sau, "duschte" dabei die Fans in den vordersten Reihen (es soll Ladys geben, die wollten sich für die kommenden Wochen nicht mehr duschen…) und spielte bei «Mystica» auf Axels Gitarre während Axel die zweite Strophe sang.
Die Jungs waren tight eingespielt und verbreiteten Freude ohne Ende. Was das Publikum mit grossen Axel-Chören und lautem Applaus erwiderte. Wie auch die Mitsing-Spielchen, und deren gab es genügend, die immer lauthals mitgeschrien wurden. Auch wenn, wie schon erwähnt, das Bierhübeli nicht ausverkauft war, die Stimmung steigerte sich bis zum Siedepunkt, und wirklich niemand verliess am Schluss den Ort des Geschehens unglücklich. Okay, dass die Jungs «Ankhaia» noch immer nur kurz im Medley anspielen, das können Axel und seine Jungs mit einem "Vater unser", respkektive dem "Rosenkranz" betend beichten. Ansonsten holte Johnny einmal mehr alles aus seiner Stimme heraus («I See Fire», «Don't Say Goodbye» und dem unter die Haut gehenden «Forever Angel»), vollbrachte sein tägliches Training mit Hampelmännern auf der Stage, rannte wie ein Berserker über die Bühne und zeigte sich letztlich wahnsinnig authentisch. Grossartiges Konzert einer Truppe, die noch immer zu begeistern vermag. Dieses Mal, im Vergleich zu der Show in Pratteln (1. April 2025), auch den Gallier wie seinen "high five" Kumpel. (tin)
Setliste: «Intro» - «Guillotine Walk» - «Fool Fool» - «Wildest Dreams» - «Strong As A Rock» - «Don't Say Goodbye» - «I See Fire (Ed Sheeran Cover)» - «Oceans Of Time» - «Mystica» - «Drum Solo Bobby Rondinelli» - «Voodoo Nights» - «Carousel» - «Keyboard Solo Ferdy Doernberg» - «Sanity» - «Tear Down The Walls» - «The Masquerade Ball / Casbah / Ankhaia» -- «Forever Angel» - «Rock The Nation» - «Outro - Arrival (ABBA Song)»

