Was für eine Woche für die Metal-Community. Erst das gigantische Metallica-Grossaufgebot im Letzigrund, das selbst die Strassen Altstettens kurzerhand zur Partyzone verwandelte: Metallica, unterstützt von Gojira und Knocked Loose an einem Abend. Knocked Loose gleich nochmal als Headliner am darauffolgenden Abend im Komplex 457, mit einer deutlich persönlicheren Clubshow.
Am Nachmittag von Metallica hatte ich noch kurz nach Last-Minute-Tickets geschaut. Die aufgerufenen dreistelligen Preise, um dem Spektakel sprichwörtlich aus den hintersten Reihen beizuwohnen, hatten für mich nur noch wenig mit einem Live-Erlebnis in meinem Sinne zu tun. So musste ich leider passen und gönnte mir stattdessen am Folgetag den knallharten Liveauftritt von Knocked Loose und dem lokalen Begleitact XOXO (eingesprungen für Static Dress), der wie erwartet für jene Mosher unter uns wie gemacht war.
Fürs Wochenende zogen dunkle Wolken auf. Metalstorm ist zurück und lockt in die düstere Kammer des Südpol Club Luzern zum "Lost in Devotion Metal Fest Vol. I". Ein Festival also? Nun ja, das ist wohl eher metaphorisch gemeint. Denn gefeiert wird heute roher Metal der beiden Lokalbands tHola und Lotrify sowie von Dust Bolt aus Bayern.
Keine LED-Türme, keine Pyrotechnik, kein Schnickschnack. Man betritt den Raum und merkt sogleich: Hier setzt man voll auf die Performance der Bands. Ob dies reicht, um das kleine Lokal zu füllen? Am Einlass gibt man sich gastfreundlich und optimistisch. Von "wenn es dann später voll wird" ist die Rede.
Wurde das "Metal Storm over Luzern Chapter V" im April noch oben in der grossen Halle ausgetragen, fand dieser Abend im kleinen Clubraum im Parterre statt. Stockdunkel, keine Barrieren, dafür eine Säule links im Bild, eine Discokugel an der Decke und eine "herzige" Bar in der Ecke, Merch-Stand draussen im Freien.
Ein Gedanke sollte mich diesen gesamten Abend begleiten. Warum sind hier so wenig Leute?
tHOLA
Kaum hatte ich mich in Position gebracht, betraten tHola als Opener pünktlich um 19:30 Uhr die Bühne. Ich reibe mir die Augen: Steht da gerade Hagrid aus den Harry-Potter-Filmen vor mir und spielt Bass? Ganz sicher war ich mir zunächst nicht einmal, ob das Gespielte bereits zum Set oder noch zum Soundcheck gehörte, denn ausser mir standen gerade einmal zwei Leute an der Bar, einige weitere beim Mischpult, der Rest verteilte sich lose im Raum.
Die fünfköpfige Band tHola aus Brig ist seit 2016 aktiv und bezeichnet ihren Stil selber als "Metal Circus". Persönlich würde ich sie klar im Power Metal verorten, allerdings mit thrashigen Elementen und schwereren Passagen. Musikalisch sind sie definitiv versiert. Der Gesang bewegt sich in höheren Tonlagen und erinnert mich stellenweise an die hohen Gesangslinien von James LaBrie (Dream Theater) oder Matt Smith (Theocracy). Persönlich bin ich diesbezüglich manchmal etwas empfindlich. Live funktionierte dies für mich allerdings deutlich besser als auf den Alben.
Die Interaktionen untereinander fühlten sich authentisch und publikumsnah an. Die Spielfreude der Band war dabei förmlich greifbar. Diese Synergien und das spürbare Selbstbewusstsein machten die Band äusserst zugänglich und fotogen. Wäre da nur nicht diese Dunkelheit im Raum gewesen. Sänger Thomi Rauch hielt das Publikum auf Trab. Gefeiert wurde dabei ordentlich, nur blieb der Anblick speziell. Auch gegen Ende des Sets waren auffällig wenig Leute da. «Kommt noch», dachte ich mir. Live kann ich tHola auf jeden Fall weiterempfehlen.
Lotrify
Etwas regionaler wird es mit Lotrify aus Baden. Die 2008 gegründete Band bezeichnet sich selbst als experimentierfreudige Groove-Metaller. In der Tat vereint ihre Musik viele Elemente aus Death Metal und Metalcore und wirkt insgesamt überraschend heavy. Für mich war schon im Vornherein absehbar, dass Lotrify das musikalische Highlight des Abends sein würden.
Sänger Sämi Wacker legte sich von Beginn weg ordentlich ins Zeug und vermochte die anwesende Meute sofort in seinen Bann zu ziehen. Dass gerade einmal 36 Besucher im Raum standen, schien der Band dabei völlig gleichgültig zu sein. Stattdessen gesellte sich Sämi kurzerhand selbst unter die Zuschauer und sang unter lautem Applaus mitten aus der Menge.
So gelang es ihm, die Leute zum Hinsetzen und Rudern zu bewegen. Kurz darauf wurde ein aufblasbares Pool-Krokodil hervorgeholt, das fortan die Mission hatte, den Schlagzeuger durch Würfe aus dem Publikum möglichst treffsicher zu attackieren. Tatsächlich gelang dies immerhin ganze zwei Mal.
Trotz aller Verspieltheit überzeugten Lotrify auch musikalisch. Instrumental und gesangstechnisch wirkte die Band solide, eingespielt und souverän, was wohl nicht zuletzt auf fast zwanzig Jahre Bandgeschichte zurückzuführen ist. Neben Sänger Sämi Wacker standen mit den Brüdern Silvan (Bass) und Yannick (Gitarre) Ingold gleich mehrere langjährige Mitglieder auf der Bühne. Gitarrist Juan Jeanpierre stiess 2023 zur Band und vermochte mit seinen Leads ebenfalls zu überzeugen. Es erstaunt kaum, dass es Lotrify 2018 bereits bis ans "Wacken Open Air" geschafft hat.
Setliste: «Left Behind» - «Xenophobic» - «Close To Distant» - «Glaubick» - «Ill-Minded» - «Bleed Alone» - «Clashing Bones» - «It's Always There» - «Made My Bets» - «Ace Of Spades» (Motörhead Cover)
Dust Bolt
Je länger der Abend fortschritt, desto mehr beschäftigte mich die Frage, worauf die geringe Zuschauerzahl zurückzuführen ist. Vielleicht bringt Dust Bolt um 22:00 Uhr noch etwas Zuwachs?
Auch Dust Bolt sind alles andere als ein Newcomer. Die Band wurde 2007 im bayrischen Landsberg am Lech gegründet. Sänger und Gitarrist Lenny Breuss, Schlagzeuger Nico Remann sowie Gitarrist Florian Dehn gehören seit den Anfangstagen zur Band und werden seit 2022 durch Bassist Tom Liebing ergänzt.
Nach über einem Jahrzehnt als reine Thrash-Band nutzte Lenny während der Pandemie die Gelegenheit, Dust Bolt musikalisch neu zu denken. Weg vom strikt klassischen Thrash, hin zu zusätzlichen Einflüssen und etwas mehr Offenheit im Sound. Diese Entwicklung spiegelt sich auch auf dem aktuellen Album «Sound & Fury» (2024) wider, von dem an diesem Abend mehrere Songs gespielt wurden, darunter auch das stilistisch auffällige «Disco Nnection».
Auch Dust Bolt vermochten als Schlussakt vollends zu überzeugen und stellten an diesem Abend den Tagesrekord im Headbanging auf. Sänger Lenny benetzte sich dabei regelmässig die Haare und verpasste den ersten Reihen dabei immer wieder eine unfreiwillige Dusche. Der Auftritt wirkte routiniert und insgesamt am ausgereiftesten.
Wieder war die Nähe zum Publikum zentraler Bestandteil des Auftritts. Es wurde Bier ausgetauscht, gemeinsam gesungen und statt es beim blossen Auffordern zu belassen, machte auch Lenny kurzerhand selbst mit, spielte mitten unter den Leuten und rannte durch den Raum. Die Begeisterung im kleinen Saal war entsprechend gross. Handgemachte Musik sei das hier, hielt Lenny fest, von der Setliste bis zur letzten Note. Auch das Publikum von inzwischen geschätzt 50 Leuten erhielt Lob für den «Erhalt der Szene».
"Ich sag’s deshalb… handgemachte Musik… und kleine Metalkonzerte… es wird nicht leichter… es wird immer schwieriger… es ist unser Job, das am Leben zu erhalten, indem wir’s zelebrieren, feiern und eine gute Zeit dabei haben."
In Anspielung auf das Metallica-Konzert fragte Lenny schliesslich scherzhaft, wer denn bei Metallica gewesen sei und wer dafür wäre, dass die nächsten Metallica aus Europa kommen. Tosender Applaus. Unglaublich, wie viel Energie da freigesetzt wurde. Nach gut einer Stunde beendeten auch Dust Bolt ihren Auftritt mit einem energischen Cover von «Rockin’ in the Free World».
Setliste: «Ghost On My Screen» - «Toxic» - «Chaos Possession» - «Awake» - «New Flame» - «Sound & Fury» - «Disco Nnection» - «Rhythm» - «I Am The One» - «Supagau» - «Rockin' In The Free World» (Neil Young Cover)
Zurück zu meiner eingangs erwähnten Frage. Warum waren hier so wenig Leute?
So richtig erschliesst sich mir das bis jetzt nicht. Klar, Musik bleibt Geschmackssache, und auch bei mir befinden sich keine dieser Bands in der Heavy-Rotation-Playlist. Doch an den Performances kann es meines Erachtens kaum gelegen haben. Alle drei Bands lieferten mit Leidenschaft, Spielfreude und musikalischem Können ab und bildeten eine Symbiose mit dem kleinen Publikum vor der Bühne.
Sicherlich spielt auch die Örtlichkeit des Südpol eine Rolle. Zentral gelegen ist es nicht, und die ÖV-Verbindungen nehmen selbst am Wochenende gegen Mitternacht rapide ab. Auch ich musste darauf achten, den Bus um 23:20 Uhr noch zu erwischen. Gerade bei Konzertenden wird das schnell knapp. Ein etwas früherer Start solcher Anlässe könnte den Event für Nicht-Luzerner womöglich zugänglicher und entspannter gestalten.
"Metalstorm Concerts" verfolgt als gemeinnütziger Verein einen anderen Ansatz als klassische Konzertveranstalter. Der Verein wird durch seine Mitglieder getragen und ermöglicht Konzerte, die unter rein kommerziellen Rahmenbedingungen deutlich schwieriger umzusetzen wären. Kleinere oder weniger etablierte Bands erhalten dadurch eine Bühne und Fans bekommen die Möglichkeit, Acts live zu erleben, die unter klassischen Veranstaltungsmodellen oft nur schwer Platz finden würden.
Hier beginnt für mich das eigentliche Faszinosum dieser Realität.
Für Metallica wurden selbst Plätze mit kaum vorhandener Sicht heiss gehandelt. Gleichzeitig kann man wenige Tage später drei musikalisch überzeugende Bands aus nächster Nähe erleben und blickt in einen Raum, der sich nur teilweise füllen mag. Nein, diese bringen mitnichten die historische Rolle von Metallica mit. Um den Vergleich soll es gar nicht gehen. Metallica und andere grosse Bands haben sich ihren Status selbstverständlich verdient.
Auch ich höre viele etablierte Bands und schätze grosse Produktionen genauso wie kleinere Clubshows. Die Frage, wie neben den grossen Namen auch jene Bands Aufmerksamkeit bekommen, die ihren Weg noch vor sich haben, scheint mir dennoch relevant.
Wie Lenny Breuss treffend festhielt, lebt der Erhalt der Szene letztlich von den Fans. Vermutlich liegt genau darin der grösste Mehrwert solcher Abende. Nicht, um "Legenden" zu ersetzen, sondern vielmehr als Gelegenheit, sich hin und wieder auch auf etwas anderes einzulassen, etwas auszuprobieren und Neues zu entdecken. Man sollte dabei nicht vergessen, dass selbst die grössten Bands einst auf kleinen Bühnen begonnen haben und ihren Weg letztlich nur dank einer lebendigen Szene gehen konnten.
"Lost in Devotion" hiess der Event. Trotz aller Hingabe der Bands und der Metalstorm-Crew bleibt es umso bedauerlicher, dass so wenige Menschen den Weg in den Südpol fanden.
Wer sich selber ein Bild von einem Metalstorm-Event machen möchte: Die nächste Gelegenheit bietet sich bereits am 20.06.2026 bei "Hells Metal Army" mit Impalement, Requiem und Ghörnt. Vorbeischauen lohnt sich!