Dave Mustaine befindet sich auf grosser Abschieds-Tournee. Da diese aber auch zwei, drei Jahre dauern könnte, war es vielleicht doch noch nicht der letzte Auftritt in der Schweiz. Es kann aber auch sein, dass Megadeth in der Halle 622 tatsächlich zum allerletzten Mal gelärmt haben. Auf jeden Fall wollten sich dies 3'500 Fans nicht entgehen lassen und sorgten somit für eine volle Hütte. Das merkte man schon an der beträchtlichen Warteschlange, welche sich ums Eck bis zum Bahnhof hinzog. Während Tinu und ich am Eingang für VIP/Medien warteten, war die Spannung der Wartenden sichtbar. Kaum wurde geöffnet, sprinteten die ersten Wartenden zur Security, bis diese dem Treiben postwendend ein Ende setzten. Dazu reichte ein lautes "Haaalt! Langsam!"
Wie eine Python (Hä??? Rsl) schlängelte sich auch Tinu in die Halle, und als ich diese betrat, kam unser Ober-Fan bereits mit einem ergatterten T-Shirt daher. Die Vorfreude auf das Konzert war ihm in den Augen abzulesen. Bei der Gretchenfrage "Metallica oder Megadeth?" sind uns Tinu und ich einig: Lieber «Symphony Of Destrucion» als «Nothing Else Matters». Nach dem Konzertabend kam mir übrigens sofort ein Slogan in den Sinn, nämlich "let the music talk". Im Gegensatz zu Bands wie Kreator oder Behemoth, welche ich zuletzt in dieser Location gesehen habe, verzichtete man heute auf Pyros und Show-Effekte, heisst es ging eigentlich nur um die Songs. Das finde ich grundsätzlich nicht falsch. Wenn man allerdings den Eintrittspreis (Stehplatz CHF 78.-) und die satten Merchpreise (CHF 55.- für ein Tour-Shirt oder CHF 100.- für einen Hoodie) angeschaut hat, war es dann hintenraus fast schon etwas mager. Doch schliesslich haben auch Pyros und allerlei Firlefanz nur begrenzt Einfluss darauf, wie begeistert man nach dem letzten gespielten Ton die Halle verlässt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was Tinu über den Headliner zu berichten weiss – Anmerkung Tinu: Grossartig!!! – (rön)
Decapitated
Den Anfang machten um Punkt 20:00 Uhr die Polen von Decapitated, welche nun auch schon seit 1996 durch die Szene geistern. Man kann natürlich darüber diskutieren ob die Wahl, eine Technical Death Metal Band als Vorband zu engagieren, die richtige Entscheidung war. Gerade im Thrash Metal haben zuletzt doch viele junge Bands richtig gut abgeliefert, weshalb ich mir eher Truppen wie Warbringer, Mezzrow oder Angelus Apatrida gewünscht hätte. Eigentlich steht ja Death Metal bei mir nach wie vor hoch im Kurs, aber mit den Songs von Decapitated bin ich irgendwie nie richtig warm geworden. Das war heute nicht viel anders, trotzdem haben die Jungs während einer halben Stunde ordentlich Dampf abgelassen.
Die volle Halle ist zwar für die Bands toll, hat aber auch dazu geführt, dass ich den Auftritt weit hinten beobachtete und somit nicht viel zu visuellen Aspekten schreiben kann. Ich muss dennoch zugeben, dass die Songauswahl clever war. Der Opener war eine Abrissbirne der allerschnellsten Sorte und bereits beim zweiten Titel blitzte die spielerische Klasse von Gitarrist Waclaw Kieltyka durch. Das einzig verbliebene Gründungs-Mitglied glänzte auf der Bühne mit einigen starken Riffs und Solos. Sänger Eemeli Bodde machte derweil einen auf Bruce Dickinson im Stil von "scream for me Zurich!" Das gelang allerdings nur begrenzt, denn es kristallisierte sich schnell heraus, dass die Mehrzahl der Anwesenden nur wegen Megadeth da waren. Trotzdem, die Band hat in der kurzen Zeit insgesamt einen überzeugenden Eindruck hinterlassen. (rön)
Megadeth
Das Hallenlicht ging aus, Dave Mustaine betrat die Bühne und eröffnete, die (vielleicht) letzte Show von Megadeth in der Schweiz – Man(n) darf ja hoffen, immerhin dauert die Abschieds-Tour bis zu fünf Jahren – Was zuerst auffiel, war der Gesang von Dave. Dieser besserte sich glücklicherweise von Song zu Song, so dass der Bandleader zu seiner alten Stärke fand. Es lag eine Mischung aus Wehmut, Freude und Partystimmung in der ausverkauften Halle 622. Immerhin präsentierte uns Mega-Dave über vier Dekaden Bandgeschichte (wirklich zum letzten Mal?). Eine, die mit unglaublich vielen Hits gepflastert ist und eine, die an diesem Abend logischerweise nicht alle Klassiker bieten konnte.
Trotzdem verstand es der Ami ein Hit-Potpourri zusammenzustellen, das erneut mächtig durchgewirbelt wurde (schaut man sich die vorherigen Sets an), und dabei gleich drei Songs des Abschieds-Albums («Megadeth») präsentierte. Mit dem Opener «Tipping Point» rifften sich Dave und Temmu Mäntysaari die filigranen Klänge gegenseitig zu und eröffneten die folgenden neunzig Minuten. Beide standen bei den phänomenalen Doppel-Leads immer wieder zusammen und spielten die anspruchsvollen Parts mit einer Lockerheit, wie man dies heute nur noch selten sieht.
Es fiel zudem auf, dass Dave dem finnischen Gitarren-Hexer bedeutend mehr Freiräume gewährte und sich der Nordländer dafür mit einem extrem geilen Gitarrenspiel bedankte. Die Stimmung war sofort angeheizt, und so folgten laute "Megadeth" Rufe bereits nach dem Opener. Ein paar auserwählte Fans durften für die ersten sechs Songs auf der linken wie rechten Bühnenseite hinter einem Absperr-Gitter stehen und konnten von dort aus das Geschehen aus nächster Nähe beobachten.
Bassist James Lomenzo liess es sich nicht nehmen, immer wieder bangend vor die breit grinsenden Anhänger zu stehen und mit ihnen die Show zu feiern, so dass diese Fans die Bühne nicht mehr verlassen wollten. Bedenkt man, dass James früher bei White Lion spielte und sich damals Poser und Thrasher regelrecht bekämpften, kommt es einer kleinen Sensation gleich, dass er nun seit Jahren bei Megadeth spielt. Mit seinem druckvollen Spiel sorgte er auf jeden Fall für einen feinen Rhythmus-Teppich und, dank seiner agilen Performance, zusammen mit Teemu, für viel Action auf der Bühne.
Apropos Action, diese ging auch von Drummer Dirk Verbeuren aus, der immer wieder hinter seinem Arbeits-Instrument aufstand, die Fans unentwegt anstachelte zu applaudieren und zu schreien. Die Anwesenden waren bereit, mit Megadeth einen gebührenden Abschied zu feiern. War es mit crowdsurfen, kleinen Moshpits, lauten Gesängen oder Applaudieren. Die Bühne war interessanterweise sehr spartanisch eingerichtet. Ein grosser Megadeth Schriftzug erstrahlte über dem erhöhten Drumkit von Dirk, während dieser von LED-Scheinwerfern und Marshall-Boxen flankiert wurde. Die ansonsten in den letzten Jahren immer zum Einsatz gekommenen Video-Screens fehlten diesmal. "Let the music do the talking" war das Motto, und das hatte es in sich!
Dave applaudierte dem Publikum und bedankte sich mit Handküsschen bei den Anwesenden. "Thank you so much! We have the option to play for all my friends". Der 64-jährige Frontmann weiss, wem er seinen Erfolg zu verdanken hat. "This is from our biggest album «Countdown To Extinction»", liess der Frontmann verlauten und nahm die Fans auf eine begeisterte Reise mit. Diese liessen es sich nicht nehmen, den erwähnten Track lautstark mitzusingen, wie schon bei «Hangar 18», «Sweating Bullets» (bei dem die Anhänger bereits die erste Strophe mitschrien), oder «Peace Sells» ("If there's a new way, I'll be the first in line. But it better work this time").
Beim Titeltrack des zweiten Albums hatte das Band-Maskottchen Vic Rattlehead seinen erneuten Auftritt und erschien als schwarzer Anzugträger mit Aktenkoffer auf der Bühne. Während er bereits bei der neuen Hymne «Let There Be Shred» (was für eine Killer-Nummer!) in einem weissen Anzug auf der Stage stand. Es war eine musikalische Zeitreise mit vielen zeitlosen Dokumenten einer Band, die immer durch ihre musikalischen Fähigkeiten überzeugte. Sind es Hymnen wie «Symphony Of Destruction» (was für eine Dynamik!), «Holy Wars» (was für eine technische Meisterleistung!), «Let There Be Shred» (wer nach über vierzig Jahren noch immer solche dynamischen Power-Speed-Tracks schreibt, hat noch vieles zu sagen!) oder das bereits erwähnte «Peace Sells» (mit dem Bass-Intro aller Bass-Intros!), es ist ein Fest für Metalheads.
Mit den abschliessenden Worten "You’re great, we're just Megadeth" verabschiedete sich Dave Mustaine von seinem Publikum. Was bei mir bleibt, ist die Hoffnung ihn und seine sensationelle Truppe nochmals zu sehen, bevor der letzte Vorhang fallen wird. Ein kleiner Kloss steckte mir beim Herauslaufen im Hals. Ja, vielleicht war es die letzte Schweizer Show einer Truppe, die mich in den letzten über vier Jahrzehnten immer wieder begleitet und "unterstützt" hat. Vielleicht wird der Text vom nicht gespielten «À Tout Le Monde» tatsächlich zum endgültigen Schluss-Refrain: "À tout le monde, À tout mes amis, Je vous aime, Je dois partir, These are the last words, I'll ever speak, And they'll set me free"… Beim Scheiben dieser Zeilen erinnere ich mich mit glänzenden Augen an diese grossartige Show und lasse die Hoffnung noch nicht sterben auf ein weiteres Mal… (tin)
Setliste: «Tipping Point» - «Take No Prisoners» - «This Was My Life» - «Hangar 18» - «Wake Up Dead» - «In My Darkest Hour» - «I Don’t Care» - «Dread And The Fugitive Mind» - «Angry Again» - «Sweating Bullets» - «Let There Be Shred» - «She-Wolf» - «Countdown To Extinction» - «Tornado Of Souls» - «Peace Sells» -- «Symphony Of Destruction» - «Holy Wars… The Punishment Due» - «Outro – Silent Scorn»