Unter dem Siegel des Dampfhammers zählt die «The Grizzly Winter Tour 2026» derzeit wohl zu den grössten Tourneen Europas, wohlgemerkt, auch zu den beliebtesten. Mit einem knüppelharten Line-up, bestehend aus den amerikanischen Schwergewichten Suicide Silence, Dying Fetus und den russischen Überfliegern Slaughter To Prevail. Dieses wütende Dreigestirn beweist während den nächsten Wochen, dass man auch friedlich Grenzen überschreiten kann: musikalisch. Die Halle 622 war meines Wissens nicht ganz ausverkauft, die beliebtesten Merchteile dafür umso schneller, obwohl die Shows, zuvor in England, sold out waren. Während dem Warten im Fotograben gab es erste Anweisungen bezüglich Pyrotechnik und geschmolzenen Objektiven, es konnte also losgehen.
Suicide Silence
Ziemlich direkt und aggressiv starteten die Kalifornier Suicide Silence in ihr Set, nachdem «Bohemian Rhapsody» ihr Kommen in voller Spiellänge von 5:55 Minuten lautstark angekündigt hatte. Mit ihrem Opener «Unanswered» schickten sie einen legendären Oldie ins Rennen, um die Menge richtig anzuheizen. Dem einen oder anderen Fan dürfte das Herz dabei geblutet haben, denn der Song stammt noch aus der Zeit, als Mitch Lucker († 2012) Frontmann der Truppe war. Der ehemalige All Shall Perish-Blaster und aktueller Shouter Hernan "Eddie" Hermida ist allerdings auch kein Neuling mehr und gab sich als sympathischer Moderator aus, selbst wenn er «Fuck Everything» mit ausgestrecktem Mittelfinger ankündigte. Das Publikum machte freudig mit, hob tausende Stinkefinger in die Höhe und rief einen Circle-Pit nach dem anderen ins Leben. 
Bei «Disengage» forderte der Sänger erst eine Wall Of Death, bevor seine Truppe mit einer instrumentalen Soundwand einsetzte. Die anschliessende Deathcore-Hymne «You Only Live Once» war all jenen gewidmet, die nie ihren Glauben an das Gute verloren haben. Die Menge antwortete prompt, wenn auch nur vereinzelt, mit Mitsing-Anleihen. Die Zeit raste förmlich, und als der letzte im Saal richtig warm war, wurde bereits der letzte Song angekündigt. «No Pity For A Coward», ebenfalls aus dem Debütalbum, bewies, dass das Deathcore-Genre gerade eine Renaissance erlebt und eindeutig besser ist als ihr Ruf. Nach 30 Minuten war der Spuk vorbei und die Herren aus Riverside zogen von dannen.
Setliste: «Unanswered» - «Wake Up» - «Fuck Everything» - «Love Me» - «Disengage» - «Yolo» - «No Pity For A Coward»
Dying Fetus
Beim mittleren Act des Abends dürfte sich mancher erst gedacht haben, dass die Truppe aus Maryland irgendwie schief in der Line-Up-Landschaft steht. Beinahe selbst bestätigt hat es das Trio dann, indem es «YMCA» der Village People als Band-Intro abspielen liessen. Das Publikum war aufgewärmt und formte die vier Buchstaben gemeinsam mit Drummer Trey Williams, der auf der Bühne kurz den Animateur spielte. Auch Dying Fetus hatten nur einen halbstündigen Slot, den sie mit Songs, aus sechs ihrer neun Studio-Alben und einem Neuling füllten. «In The Trenches», was soviel heisst wie "in den Schützengräben", war der passende erste Titel, angesichts des Gerangels, vor der Bühne. Die Ladies der ersten Reihe, die sich besonders auf Alex Terrible freuten, mussten die Gitter fest umklammern, um sich gegen die anrollende Druckwelle zu behaupten. Doch sie blieben! Etwas grooviger als sonst erklang ihr Sound aus den Boxen, doch technisch brillant und mit äusserster Präzision. 
Es folgten «Unbridled Fury» und «Wrong One To Fuck With», die das Publikum einerseits auf den neuesten Stand des Albummaterials brachten, und mit letzterem eindeutig bewiesen, dass es einen Song gibt, der das Können dieser Band auf den Punkt bringt. Gitarrist John Gallagher und Bassist Sean Beasley ergänzten sich wie alte Profis, was sie auch sind, und teilten sich professionell die Aufgaben des Frontmanns. Sean stellte die aktuelle Single «Into The Cesspool» vor, die eine gelungene Abwechslung zum Oldschool-Repertoire darstellte. Die Zeit flog nur so vorüber, dass auch dieses kurze Set eher endete, als sich die Masse wirklich eingrooven konnte. Mit technischer Virtuosität gab der Dreier «Praise The Lord (Opium Of The Masses) zum Besten, welcher gleichzeitig den Schluss ihres Auftritts bedeutete. Am frenetischen Beifall während ihres Abgangs wurde klar; fehl am Platz war diese Band nie.
Setliste: «In The Trenches» - «Unbridled Fury» - «Wrong One To Fuck With» - «Into The Cesspool» - «Grotesque Impalement» - «Kill Your Mother, Rape Your Dog» - «Praise The Lord (Opium Of The Masses)
Slaughter To Prevail
Mit dem Hauptact des Abends veränderte sich auch die Bühne, die bis dahin ziemlich schmal und, mit dem jeweiligen Backdrop der Band, eher karg ausfiel. Die Bühne zierte nun ein riesiger Grizzly, der hinter dem Schlagzeug-Podest drohend brüllte. Für den Frontmann und die beiden Gitarristen waren ebenfalls Podeste aufgebaut, die eine perfekte Inszenierung zuliessen. Wie schon bei ihren Vorgängern schallte als Intro ein Song aus den Boxen, der diesmal aber nicht in die Sparte Klassiker passte, sondern mit Ruthless E moderner Electronica zuzuordnen war. Dann betrat der nicht ganz unumstrittene, russische Fünfer die Bühne, jeder Musiker klassisch, die übliche Slaughter To Prevail Maske tragend. Die Menge tobte vom ersten Ton an, die Lichter gleissend, der Sound ohrenbetäubend und die ersten Riff-Salven dem Veranstaltungsort und dem Publikum mehr als würdig. 
Sänger und Aushängeschild Alex Terrible zeigte sich von Beginn an oben ohne und liess seine Muskeln spielen. Er legte die Maske erst bei «Banditos» ab, während der ehemalige Katalepsy Schlagzeuger Evgeny Novikov komplexe Rhythmen spielte und die Gitarristen Jack Simmons und Dmitry Mamedov ihre Riffs und stechenden Töne ins Publikum feuerten. Meistens standen beide auf erhöhten Podesten, während Bassist Mikhail Petrov die Freiheit genoss, sich auf der ganzen Bühne ausbreiten zu können. Rauch- und pyrotechnische Feuersäulen begleiteten «Russian Grizzly In America» und «Viking», während im Refrain von «Imdead» die grölenden Fans zur Begleitung wurden. Mit «Baba Yaga» folgte der direkte Gegensatz zum heutigen Material, der Slaughters frühere Deathcore-Klänge repräsentiert. 
Das Set war mit dreizehn Titeln eigentlich recht kurz, die Band hat jedoch soviel Energie versprüht, dass sie für zweistündige Shows gereicht hätte. Nebst kleinen Spielereien mit dem Publikum (Wall Of Death, Circlepits) sorgte auch ein ordentliches Schlagzeugsolo für Abwechslung. Terrible, der mit bürgerlichem Namen Aleksandr Shikolai heisst, zeigte sich reflektiert und emotional, als er dem Publikum mitteilte, dass Veränderung meistens bei einem selbst beginnt. Sicher nicht neu, aber definitiv auch nicht falsch! «Behelit» schloss erstmal das Set, das mit einer Grandiosität und Energie gespielt wurde, wie es nur eine selbstbewusste Band hinbekommt. Ein Werk, das die pure Aggression beibehält, jedoch ein Hauch Raffinesse einbringt. 
Die Fans gaben allerdings noch nicht auf und schrien die Band erneut auf die Bühne, obwohl diese ihr reguläres Schlussfoto bereits geschossen hatte. In Form vom verheerenden «Demolisher» findet der Abend, mit zwei grossartigen Support-Bands, die glücklicherweise nicht in der Lage waren, den Headliner vom Thron zu stossen, einen spektakulären Abschluss. Schön laut, schön hart, schön wars!
Setliste: «Intro Voron» - «Bonebreaker» - «Banditos» - «Russian Grizzly In New York» - «Imdead» - «Babayka» - «Bratva» - «Baba Yaga» - «Koschei» - «Conflict» - «Kod» - «Behelit» -- «Demolisher»
