In diesem seltsamen Jahr 2026 ist der Eintritt zu The Doors Alive keine blosse Eintrittskarte – es ist eine Initiation. Die Türen öffnen sich nicht, sie lösen sich auf. Die Zeit schält sich ab wie die Haut nach einem Sonnenbrand und plötzlich kriechst du wieder mit den Eidechsen umher, warm auf elektrischem Sand und wartest darauf, dass die Orgel zu atmen beginnt.
Und dann kommt es. Dieser Vox-Puls – tief, schlangengleich, sich wie ein langsames, narkotisches Flüstern um deine Wirbelsäule windend. Kein Klang, nein … Atmosphäre. Ein Fiebertraum in Moll. Der Raum beginnt zu schwanken, nicht durch Bewegung, sondern durch Erinnerung. Etwas Uraltes, etwas unanständig Lebendiges regt sich unter den Dielen des Salzhaus’. Die Band hetzt nicht. Sie schleicht.
Zunächst ist es eine vorsichtige Flamme, die flackert und schimmert, dann entzündet sich alles. Und sobald das Feuer greift, verschlingt es alles. Wir bewegen uns zum groove und werden für zwei Stunden nicht mehr stillstehen. Das Keyboard wird zu einer flüssigen Kathedrale, die von Geisterlicht durchdrungen ist, während Gitarre und Schlagzeug wie Körper in der Dunkelheit aneinanderreiben – rhythmisch, drängend und ein wenig gefährlich. Blues, der sich in Jazz auflöst; Jazz, der sich in etwas Unbenanntes auflöst … etwas, das man eher schmeckt als hört. Schweiss, Rauch, Parfüm, ein Hauch von Apokalypse liegt in der Luft.
Im Zentrum: der Schamane, der 2 Meter Hühne. Keine Imitation, kein billiger Spiegeltrick, sondern Besessenheit. Ein Mann, der auf dem schmalen Grat zwischen Fleisch und Mythos wandelt. Seine Worte ergiessen sich wie heiliges Gift: halb Poesie, halb Provokation. Er neckt, er verspottet, er verführt die Menge an den köstlichen Rand, an dem Musik zu etwas anderem wird – zu etwas Fleischlichem, zu etwas Prophetischem.
Manchmal verweilt er zu lange in der Leere zwischen den Liedern, aber in dieser Leere leben die Visionen. Und das Publikum ist kein Publikum mehr. Es sind Teilnehmer. Zeugen. Komplizen. Stimmen erheben sich. Körper rücken näher. Die Grenzen verschwimmen. Ein kollektiver Puls, alle atmen gemeinsam, als würden sie das Ende der Welt erwarten – oder es vielleicht sogar willkommen heissen.
Die Songs dehnen sich aus, verwandeln sich und entfalten sich wie verbotene Blumen. Nichts bleibt feststehend. Alles wird zur Erkundung: Klang wird zu Berührung, Rhythmus zu Hitze und Melodie zu Rausch. Man hört nicht zu, sondern tritt ein.
Irgendwo im Dunst, zwischen Schweiss und Stroboskop, zwischen Kuss und Zusammenbruch, versteht man schliesslich: Das ist keine Nostalgie. Das ist Auferstehung. An den ‘Lizard King’ wird hier nicht erinnert. Er wird herbeigerufen.
Setlist: «Alabama Song» – «Back Door Man» – «Five to One» – «Touch Me» – «People Are Strange» – «Spanish Caravan» – «Light My Fire» – «The Spy» – «Love Her Madly» – «Queen of the Highway» – «The Crystal Ship» – «Who Scared You» – «You Make Me Real» – «Riders on the Storm» – «L.A. Woman» – Encore: «The End»