Das Trio aus Dallas stapelt nicht einfach Doom, Drone, Post-Rock, Grunge und Noise übereinander, sondern lässt diese Elemente ineinanderfliessen. So entstehen lange, atmende Kompositionen, die sich organisch anfühlen und nicht wie zusammengesetzt. Das ist Heavy-Musik, die mit Absicht, Geduld und einem starken Identitäts-Gefühl bewegt. Eines der markantesten Merkmale des Albums ist sein gemeinsamer Gesangsansatz. Anstatt sich auf einen einzigen Frontmann zu verlassen, wird «Hear» durch das Zusammenspiel von männlichen und weiblichen Stimmen geprägt, wobei sich die Rollen von Titel zu Titel verschieben.
Klare, ausdrucksstarke weibliche Stimmen führen oft melodische oder spektrale Momente ein, während rauere männliche Stimmen für Härte, Dringlichkeit und Gewicht sorgen. Manchmal überlagern sich die Stimmen oder reagieren aufeinander. Sie fungieren dann weniger als traditionelle Leads, sondern eher als emotionale Texturen, die in die Instrumentierung eingewoben sind. Diese fliessende Balance der Stimmen verleiht dem Album Tiefe und verhindert, dass es vorhersehbar wird. Klanglich lebt «Hear» von Kontrasten.
Dröhnende Low-End-Riffs lösen sich in luftigen, beinah meditativen Passagen auf, wobei Raum und Zurückhaltung ebenso effektiv eingesetzt werden wie Verzerrung. Die Produktion betont Tiefe und Resonanz statt Glanz und lässt Feedback und Sustain so lange nachklingen, dass man so tiefer in die Atmosphäre des Albums einzutauchen vermag. Was «Hear» zusätzlich auszeichnet, ist seine Geduld. Temptress scheuen sich nicht vor Wiederholungen und lassen Grooves hypnotisch statt hastig werden.
Diese Momente mögen Zuhörer herausfordern, die eine ständige Steigerung suchen. Sie belohnen jedoch diejenigen, die bereit sind, sich auf die langsam brennende Intensität des Albums einzulassen. «Hear» eignet sich am besten für Fans von immersiver Heavy-Musik, also Alben, die als Ganzes erlebt werden sollen, statt nur überflogen zu werden. Es ist ein selbstbewusster, emotional fundierter Schritt nach vorne, der Temptress als Band bestätigt, die es wert ist, nachhaltig beachtet zu werden.
Lukas R.