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Mit «Dante» verwandelt Tobias Püschner seine Ein-Mann-Vision Daidalos in etwas, das einer inszenierten Reise gleicht. Es handelt sich nicht einfach um eine Sammlung von Songs, die von ‘Die Göttliche Komödie’ inspiriert sind, sondern eher um eine geführte Reise. Senke die Nadel auf das Vinyl, und du befindest dich nicht mehr ausserhalb der Geschichte, sondern wandelst an der Seite Dantes selbst in die Untiefen.
Die ersten Momente wirken bewusst ungewiss. Der Titeltrack und das folgende «Inferno» versetzen dich in einen dunklen Wald: Orchestrale Texturen schweben noch vorsichtig, während Gitarren wie entfernte Gestalten im Nebel auftauchen. Anstatt uns sofort zu überwältigen, schafft Püschner zunächst Orientierung, um sie dann wieder zu entfernen. Mit «Ashes» und «Storm» beginnt das Album zu brodeln. Tremolo-Riffs kollidieren mit Chören, die anklagend klingen. Es wirkt, als wäre die Hölle eine Erkenntnis.
Jedes Stück spiegelt eine Stufe des Abstiegs wider. «Minos» hat einen gerichtlichen Ton, rhythmisch und ritualistisch, und ruft eher ein Urteil als Chaos hervor. «Styx» und «Gate» fungieren wie Korridore, Übergangspassagen, in denen die Atmosphäre dominiert und die Erzählung atmet. Das bedrückende «Dis» wird zum psychologischen Wendepunkt: Hier verdichtet sich die Orchestrierung um die Gitarren und zeigt Angst nicht als Gefühl, sondern wie ein festes Gefüge – fast wie ein Käfig, in dem alles geordnet funktioniert. Von dort aus versinkt das Album durch «Phlegethon» und «Malebolge» immer tiefer in Feuer und Fragmentierung, bis «Euphobia» eine seltene Zerbrechlichkeit einführt (Grossartiger Track). Diese deutet darauf hin, dass die grösste Qual darin bestehen könnte, die Fähigkeit zu verlieren, Freude zu empfinden.
Schliesslich erscheint «Ultimatum» nicht als Sieg, sondern als Befreiung. Die Musik kühlt sich zu einer feierlichen, sakrale Stille ab - Dante verlässt die Hölle verändert, aber nicht erlöst. Musikalisch ist Daidalos im Bereich des symphonischen Black Metal angesiedelt, unterscheidet sich jedoch von der Bombastik der Giganten dieses Genres. Die Orchestrierung trägt oft die Erzählung, während die Gitarren sie kommentieren. Dadurch erhält das Album ein fast filmisches Tempo. Es belohnt Geduld: Track für Track gehört, beeindruckt es, aber in einer ununterbrochenen Sitzung gehört, ergibt es Sinn.
«Dante» sollte daher am besten als eine einzige Komposition betrachtet werden – mehr als vierzig Minuten emotionale Architektur. Wen du narrative Alben, klassische Einflüsse in extremer Musik oder konzeptorientierten Metal magst, wirst du hier besonderen Gefallen finden. Es ist kein beiläufiges Hörerlebnis, sondern ein fesselndes, das es wert ist, vom ersten Schritt bis zur letzten Stille erlebt zu werden.
Wenn die letzten Töne verklingen, fühlt sich die Reise ebenso vollständig an, wie Dante seine Reise durch die Dunkelheit beendet hat: ‘Und dann kamen wir hervor, um wieder die Sterne zu sehen.
Lies mal wieder ‘Die Göttliche Komödie’!
Lukas R.