Im Kern lebt das Album von einer täuschend einfachen Formel: Midtempo-Strukturen, kantige Riffs und ein rauer Gesang, der die wilden Wurzeln des Black Metal nie ganz aufgibt. Was «Morbid Desires» jedoch auszeichnet, ist, wie mühelos es sich dem Groove hingibt. Viele dieser Tracks haben einen anhaltenden, fast hypnotischen Schwung, der eher an dreckigen Rock ’n’ Roll als an den eisigen Blast des traditionellen norwegischen Black Metal erinnert. Es ist eine Balance, die Tulus über Jahrzehnte hinweg verfeinert haben, und hier wirkt sie besonders natürlich.
Songs wie «Fossegrimens Vakt» unterstreichen diese Dualität auf wunderschöne Weise. Die Riffs sind unmittelbar und einprägsam, sie laden zum ‘mitpulsen’ ein, tragen aber dennoch diese unverkennbare nordische Kühle in sich. Im Gegensatz dazu eröffnet «Salme II» das Album mit einem atmosphärischeren Ansatz. Der Song baut sich langsam von einer unheimlichen, ritualistischen Stimmung zu einer treibenden, vielschichtigen Komposition auf, die harte Vocals mit unerwarteten melodischen Elementen verbindet. Diese kontrastreichen Momente - akustische Texturen, subtile Folk-Anklänge, sogar ungewöhnliche Instrumentierung - verleihen dem Album Tiefe, ohne jemals seinen Fluss zu stören.
Der Titeltrack verkörpert einen raueren, respektloseren Geist und zeigt die Bereitschaft der Band, unkonventionelle Elemente in ihren Sound einzubringen. Der abschliessende, epische Track «Sabbat» (Mein Anspieltip) geht hingegen über den gewohnten Rahmen der Band hinaus. Mit einer Länge von über acht Minuten entfaltet er sich geduldig, schöpft aus Doom- und klassischen Heavy-Metal-Einflüssen und wirkt letztlich eher wie eine düstere Hommage an frühere Epochen als wie eine strikte Genre-Übung.
Produktionstechnisch bleibt das Album bodenständig und organisch. Nichts wirkt überpoliert, stattdessen unterstreicht die Klarheit das enge Zusammenspiel des Trios. Insbesondere der Bass verleiht den Songs ein dickes, rollendes Rückgrat, das den ‘Black ’n’ Roll’-Charakter verstärkt. «Morbid Desires» wird vielleicht diejenigen nicht überzeugen, die nach topaktueller Extremität suchen, aber das ist kaum die Absicht der Band. Dies ist Musik, die in der Tradition verwurzelt ist, mit Erfahrung geschaffen und mit ruhiger Zuversicht präsentiert wird.
Hörern, die die Schnittstelle zwischen der Atmosphäre des Black Metal und der Selbstsicherheit des Classic Rock schätzen, bietet Tulus mit diesem Album etwas Bleibendes: einen Sound, der sich sowohl vertraut als auch einzigartig und ganz eigen anfühlt. Rock på!
Lukas R.