Riket ist eine schwedische Death Metal-Band, die seit zehn Jahren aktiv ist und bisher zwei EPs sowie ein Live-Album veröffentlicht hat. Lustigerweise ist jedoch erst 2026 das Jahr ihres Debüt-Albums «2026», das mich umgehauen hat. Um es mit den Worten ihres Labels Black Lion Records zu sagen: "Riket sind die Schnittstelle zwischen Wildheit und Geschichte, kanalisieren die rohe Aggression des Death Metal, während sie den unerbittlichen Drive des Thrash und die Trotzigkeit des Punks einflechten.
Was Riket auszeichnet, ist nicht nur die kompromisslose Wucht der Musik, sondern auch ihr einzigartiges lyrisches Konzept: Jeder Song wird auf Schwedisch gesungen und ist in den dunkleren Ecken ihrer gemeinsamen Vergangenheit verwurzelt: kleine historische Geschichten von Katastrophen, Fehlern und menschlichem Niedergang." Ich musste mehr über diese Band erfahren, und habe deshalb ein Interview organisiert. Dieses hat schliesslich im zweiten Anlauf, mit Sänger Johan Fridell stattgefunden. Der erste Termin ist einem Katzennotfall zum Opfer gefallen. Soll noch einer behaupten, Metal-Musiker seien brutale und herzlose Geschöpfe!
MF: Riket feiern dieses Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum und ich glaube dennoch behaupten zu dürfen, dass euch nicht so viele Leute in Europa kennen.
Johan: (lacht) Ja, da hast du garantiert recht.
MF: Das muss sich ändern! Erzähl mir doch etwas über deine Band und was ihr die letzten zehn Jahre so getrieben habt.
Johan: Ok! Riket wird dieses Jahr wirklich 10 Jahre alt, gegründet durch den guten Typen Tobias (Jakobsson) und mich. Wir spielten bereits in der Band Netherbird zusammen, die aber mehr dem Melodic Black Metal zugeneigt war. Wir hatten beide das Gefühl, dass wir noch etwas machen müssen, das uns den Druck nimmt und uns selbst strukturieren lässt. Ich bin sowieso ein Growler, ein Death-Metaller! So sind die ersten paar Ideen ausserhalb von Netherbird entstanden, und die gefielen uns. Also brauchten wir Mitstreiter. Diesen fanden wir in Adrian Erlandsson von At The Gates und The Haunted, welcher auch bei Paradise Lost und Cradle of Filth getrommelt hat. Er ist ein guter Freund und wirklich oldschooliger Schlagzeuger. Er war sofort dabei und wir haben innert Kürze vier Songs produziert.
Dies war die erste EP «Avarter» in 2016. Zwischendurch spielten wir diese und andere Songs auch live, was uns auch die Idee brachte, das Livealbum «Motvalser (Live på Copperfields)» aufzunehmen. Wir fühlten uns als Band! Leider, da wir keine Kohle hatten, konnten wir Adrian nicht immer zu Liveauftritten aus England einfliegen lassen. So haben wir schliesslich eine zweite EP mit ein paar Songs mehr produziert (lacht). Um das Ganze noch etwas mehr anzukurbeln, habe ich ein Lyrik-Video gedreht. Ziemlich schlecht, in einer halben Stunde, sehr einfach. Ein befreundeter Journalist, der Entdecker von Ghost, hat schliesslich in den Morgennachrichten, im Nationalfernsehen, über Historisches und unsere Band gesprochen und sogar einen Song im Fernsehen gespielt, was sehr ironisch ist.
Früher hatte ich teilweise viel Geld dafür ausgegeben, coole Videos zu drehen. Dennoch hat das keiner im Fernsehen gespielt, aber dieses miese Lyric-Video hat es geschafft. Das ist doch schon sehr ironisch. Die Tatsache aber, dass er sich einen geschichtsträchtigen Song ausgesucht und deshalb etwas zu erzählen hatte, brachte uns dazu, weiter an diesen historischen Ereignissen festzuhalten. Anstatt nur unbeschwert dem Death Metal-Hobby zu frönen, wollten wir unsere Geschichte aufarbeiten. Allerdings waren Tobias und ich noch immer die einzige Konstante.
Der Gedanke, Netherbird aufzugeben, rückte also nach 20 Jahren immer stärker in den Fokus. Ich bin glücklich, mit dieser Band sechs Album gemacht zu haben aber die Energie war nun an einem anderen Ort. Schliesslich wurde die Band stillgelegt, und der Drummer sowie der Bassist von Netherbird haben bei Riket angeheuert. Im Anschluss haben wir uns bereits ans aktuelle Album «2026» gemacht, was allerdings länger als gedacht, gedauert hat. Die Themenwahl war doch schwerer als wir angenommen hatten. Sabaton machen ihre Songs über die grossen Ereignisse, wie Kriege und Heldentaten.
MF: Ja…, genau.
Johan: Wir wollten das Gegenteil, das Gegenteil von Sabaton sein. Wir konzentrieren uns nur auf unsere schwedischen Fähigkeiten und die kleinen Leute. Geschichten, die meiner Meinung nach interessanter sind, weil sie nicht schon 50-mal erzählt wurden. Wir alle haben schon von den epischen Schlachten der Geschichte gehört, aber mich interessieren eher die Schlachten, die nie stattfanden, weil die Kämpfer unterwegs verloren gingen. Mich interessieren diese Leute mehr, weil Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird, sodass sie immer eine sehr begrenzte und glorreiche Sichtweise der Sieger vermittelt, aber ich denke, dass all die Misserfolge interessanter sind, weil sie menschlich sind.
Immer wenn einer einen Berg erfolgreich besteigt, gibt es bestimmt 100 Menschen, die es bereits viel früher versucht haben. Nur spricht niemand über sie. Bei ihnen liegt mein Interesse. Um bei den Bergen zu bleiben: Wenn der Mount Everest in Schweden stünde, würde ich definitiv über die Sherpas schreiben, die diesen Berg schon zigmal bestiegen haben. 100-mal und ohne zu murren, schleppen sie den ganzen Kram für zahlende Kunden den Berg hoch. Sie sind die wahren Helden! Das ist aber eine andere Geschichte (lacht). Leute wie du und ich, wir könnten nicht in einem Riket-Song vorkommen, weil wir nur über Ereignisse singen, die schon etwas länger zurückliegen.
Ich möchte nicht über aktuelle Ereignisse schreiben, aus zwei Gründen: Erstens würde das Menschen betreffen, die noch am Leben sind oder vielleicht Angehörige dieser Menschen. Das möchte ich nicht. Ich bin kein Historiker, ich bin ein Geschichtenerzähler. Ich erzähle eine Geschichte auf eine etwas scherzhafte oder humorvolle Art und Weise. Und das ist okay, wenn es schon lange her ist. Ich kann aber nicht scherzhaft über einen Unfall berichten, der erst fünf Jahre zurückliegt, weil das nicht lustig ist.
MF: Nein, definitiv nicht.
Johan: Das ist wirklich nicht lustig. Ausserdem haben Themen von früher noch nicht soviel politische Brisanz. Aktuelle Ereignisse haben immer irgendwie einen politischen Bezug. Manche sind dafür, andere dagegen, einige geben dem einen die Schuld, manche dem anderen. Ich bin kein politischer Musiker, wir sind keine politische Band, also halte ich mich da raus. Wir beschäftigen uns eher mit allgemeinen Themen. Wir schreiben über schwedische Ereignisse, weil diese mein Herz berühren. Ich kann nicht über deutsche Misserfolge schreiben, da mir der kulturelle Kontext fehlt. Aber von Schweden, da kenne ich den kulturellen Kontext. Wir halten deshalb auch die Texte in schwedischer Sprache. Es ist gut möglich, wenn ich von einer schwedischen Katastrophe erzähle, diese in Botswana auch passieren könnte, allerdings in einem anderen Kontext. Verstehst du, was ich meine?
MF: Absolut! Für mich ist das Album auch deswegen sehr interessant, weil es definitiv anders ist als die normalen Death Metal Sachen, die täglich veröffentlicht werden.
Johan: Es gibt momentan noch eine aktuelle Band, die wie ich finde, fantastische Geschichten erzählt - Kanonenfieber.
MF: Sind sie nicht Sabaton in Kleinformat?
Johan: Genau (lacht). Nein, kleinere Bands finde ich grundsätzlich besser, und sie sind verdammt gut in dem, was sie tun. Sie erzählen ihre Geschichte auch dadurch, wie sie auf der Bühne rüberkommen. Das ist wirklich grossartig. Da Schweden aber nicht wirklich in grosse Kriege verwickelt war, kam es mir natürlicher vor, andere Schicksale zu wählen. Ich meine, noch vor 150 Jahren war Schweden verdammt schrecklich. Die Menschen hungerten, und ein Viertel der Bevölkerung floh aus dem eigenen Land. Sie sind immer in der Hölle gelandet, egal ob sie nach Osten oder Westen gingen. Es gibt viele Schicksalsschläge, historisch gesehen jedenfalls. Auch ausserhalb des Krieges gab es bei uns Armut, Rassentrennung und all jene Probleme, die heute in anderen Teilen der Welt sehr deutlich zu sehen sind. Ich denke, dass dies etwas ist, was viele Leute nicht wissen. Ein weiterer Grund, weshalb ich es anders machen möchte, ist meine Geschichte. Ich bin seit 1990 in der Extreme Metal-Szene. Ich bin ein alter Mann, ein Veteran (lacht).
”…fast alles ist gut gespielt, gut produziert aber vieles davon ist uninteressant…”
MF: Richtig, du warst ein Teil von Sickness und Benighted in den 90ern.
Johan: Ja, also... meine erste Band hiess Toxic Breath, daraus wurde Sickness und daraus entstand Benighted. Dann hatte ich eine kleine Auszeit, in der ich ein paar Jahre lang versucht habe, ein erwachsener Mensch zu sein. Schliesslich habe ich doch wieder eine Band namens Fear the Future gegründet. Diese wurde dann zu Netherbird und jetzt ist es Riket. Ich mache das seit mehr als 30 Jahren und es muss mir einfach Spass machen. Das ist für mich eine gute Möglichkeit, meine historischen Interessen mit Musik zu verbinden. Hoffentlich findet sich auch jemand, den es interessiert. Wer weiss, schliesslich gibt es so viel Musik.
Jede Woche kommen so viele Alben heraus, das muss ich dir ja nicht sagen. Ich meine, das alles ist grossartig. Fast alles ist gut gespielt, gut produziert aber vieles davon ist uninteressant für mich. Es sind generische Kopien, die wirklich gut sind. Sie kommen mir vor wie Hochleistungssportler, aber sie sind keine Künstler. Ich höre mir lieber alte Destruction- oder alte Bathory-Alben an. Die sind nicht perfekt eingespielt, aber sie haben viel Emotion und viel Gefühl. Mit Riket wollte ich genau so einen Weg finden, Geschichte mit dieser Rohheit zu verbinden. Das ist mitunter ein Grund, warum wir live keine Backing-Tracks verwenden, warum wir keine Click-Tracks nutzen, warum wir das nicht tun. Wir sind eine Rockband mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und einem Mikrofon. That’s it! Wir gehören nicht zu den Bands wie Sabaton oder Amon Amarth, die all diese Extras haben. Alles, was wir können, ist Rock ‘n’ Roll oder Metal machen.
MF: Das klingt ehrlich und nicht nach Show…
Johan: Schau, falls die Gitarre leicht verstimmt ist, sollten sich die Leute darüber freuen, denn das bedeutet, dass sie tatsächlich live gespielt wird. Für mich ist diese Authentizität unglaublich wichtig. Ich finde, sie ist heute teilweise verloren gegangen, weil so sehr nach Perfektion gestrebt wird. Aber wenn ich mir einen Song wie «Painted Black» von den Rolling Stones anhöre, ist er nicht perfekt. Und genau deshalb ist er perfekt, er ist menschlich.
MF: Ich weiss, was du meinst. Als ich mir eure Platte zum ersten Mal anhörte, war ich doch sehr überrascht, wie anders sie ist. Ich kann nicht erklären was es ist, aber man fühlt den Unterschied. Jeder Song ist ein Volltreffer, was vielleicht der Unterschied zu all den anderen Platten ist, die jede Woche herauskommen.
Johan: Vielen Dank! Ich denke, wir versuchen, so ehrlich und unverfälscht wie möglich zu sein. Natürlich haben wir eine schöne Produktion, wir haben ein gutes Studio, einen guten Produzenten, aber das Album ist, wenn man genau hinhört, nicht perfekt. Man hört vielleicht ein leises Atmen oder ein leichter Becken- oder Tamburinsound, denn wir haben im letzten Song tatsächlich ein Tamburin verwendet. Das ist genau das ich, was ich möchte. Ich möchte zurück, einfangen was wir als Musiker produzieren, nicht was ich mit dem Computer tun kann. Das kann nämlich jeder.
Seit den 90ern hat sich so vieles verändert, geblieben ist das Riff! Riffs werden immer überleben, aber Produktionen passen sich immer wieder den aktuellen Trends an. «Keeper of the Seven Keys» ist ein starkes Album, vierzig Jahre alt, gute Songs. Es hat nicht die stärkste Produktion, aber die Songs bleiben stark für die Ewigkeit. Das neue Riket-Album soll in drei Jahrzehnten noch genauso klingen, wie heute. Meine Vocals sind nicht überproduziert, weil ich es nicht will. Ich möchte, dass es live so klingt wie ab Konserve. Wir halten uns daran, keine zusätzliche Gitarre hinzuzufügen, um den Sound fetter klingen zu lassen. Stattdessen halten wir es roh und einfach. Es gibt also keine fünf verschiedenen Gitarrenarrangements. Es sind einfach zwei Gitarren, weil wir zwei Gitarren haben.
Es so einfach wie möglich zu halten, war die Herausforderung bei dieser Platte, denn wenn man im Studio ist, könnte man natürlich ein bisschen Synthesizer hinter einen Refrain legen, und es würde gewaltig klingen. Das taten wir aber nicht. Es ging wirklich darum, dieser Einfachheit treu zu bleiben. Ein weiteres Risiko sind wir mit der Tatsache eingegangen, dass wir es auf Schwedisch gemacht haben. Natürlich wird es ein paar Leute geben, die es scheisse finden, weil sie nichts verstehen. Falls sie sich aber damit beschäftigen, weshalb wir es auf Schwedisch gemacht haben, werden sie es verstehen. Wenn ich über die Schweden aus Schweden spreche, will ich nicht Englisch sprechen. Ich muss die Geschichte in Schwedisch erzählen. Für all die Leute, denen diese Erklärung nicht reicht, gibt es noch viele andere Bands, die sie hören können (grinst).
MF: Was ist deine beste Erfahrung im Zusammenhang mit der Produktion von «2026»?
Johan: Dass äussere Umstände manchmal zu glücklichen Resultaten führen können. Der letzte Song ist ein Cover-Song und ich hatte eine wirklich schlimme Erkältung. Ich dachte, dass dies eine Nummer zu gross ist und niemals klappen wird, doch es wurde ein One-Take. Der Track klingt, wie ich in dem Moment geklungen habe. Ich war ziemlich stolz, dass ich es trotz Erkältung geschafft habe. Und das Endergebnis? Weisst du, für mich ist es immer so, dass ich meine eigene Arbeit nicht beurteilen kann. Also fragte ich den Produzenten: „Bist du zufrieden?“ Er ist Schwede, er wird also nie überschwänglich sein. Aber er sagte: „Oh, ja.“ Das ist mehr als okay! Das war toll und hat schon viel Spass gemacht.
MF: Du hast zu Beginn kurz über überteuerte Videos gesprochen. Trotzdem gibt es zu den neuen Songs einige Hochglanz-Filmchen. Wie kamen diese zustande?
Johan: Wir machen eigentlich alles selbst. Bis jetzt haben wir vier Videos gemacht. Wir machen alle Videos selbst, weil wir kein Budget haben (lacht). Wenn wir Videos produzieren, versuchen wir stets, Geschichten aus einem bestimmten Blickwinkel zu erzählen. Der erste Song handelt zum Beispiel von einer Fabrikexplosion, bei der einige Menschen ums Leben kamen. Also wurde das Archivmaterial so bearbeitet, dass es wie eine alte Fabrik aussieht. Daneben sind einfach wir zu sehen, wie wir die Songs singen und spielen, gekleidet wie alte Fabrikarbeiter.
Das Budget war null, aber dennoch steckt viel Arbeit und Zeit dahinter. Die Resonanz war ziemlich gut. Uns ist es sehr wichtig, die Geschichten zu erzählen, nicht zu spielen. Schliesslich sind wir keine Hollywoodschauspieler. Ich persönlich kann mich für die Videodrehs nicht begeistern, denn in erster Linie bin ich Musiker. Als 5-jähriger hätte ich sicher auch meinen Spass gehabt, aber als 50-jähriger finde ich dies nicht mehr so prickelnd. Dennoch sind Videos heutzutage wichtig. Michael, unser Bassist, kann sehr gut filmen und schneiden. Wir können diese Filme mit sehr geringem Budget machen. Zwei Videos haben wir sogar in einem alten Kernreaktor, in einem Versuchsreaktor, in Stockholm gedreht. Das war ein wirklich interessanter Ort.
”…ich glaube, dass KI ein Tool ist, mit dessen Umgang man künftig sehr vorsichtig sein muss…”
MF: Videos sind das eine, die Alben das andere. Angesichts all der Streaming-Dienste und der Tatsache, dass heutzutage fast jede Musik nur einen Klick entfernt ist; wie siehst du die Zukunft der Bands, insbesondere der Underground-Metal-Bands?
Johan: Gute Frage! Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Die Diskussion hatte ich aber schon oft. In einer gewissen Weise ist es sehr gut, dass die Musik jedem, für wenig Geld, zur Verfügung steht. Jeder kann seine Lieblingsmusik runterladen und anhören. Wie die Bezahlung dafür aussieht, ist wieder eine andere Geschichte. Der Underground läuft meines Erachtens immer noch sehr gut, aber das hat nichts mit Spotify zu tun. Es liegt daran, dass es Menschen gibt, die für diese Szene brennen und immer noch Gigs organisieren. Es rücken kontinuierlich jüngere Bands aus einer neuen Generation nach, was toll ist.
Diese Musik muss man erleben! Ehrlich gesagt bin ich mir auch nicht sicher, ob unsere Musik in 30 Jahren noch auf diesen Plattformen zu finden sein wird. Die Gesellschaft verändert sich dauernd, und plötzlich steht die Musik, die ich mag, nicht mehr zur Verfügung. Ich bin auch Abonnent bei Spotify, aber die Musik, die ich liebe, die kaufe ich, denn wenn Aktionäre und das Unternehmen finden, dass es das nicht mehr braucht, ist alles innerhalb einer Minute verschwunden. Früher habe ich mir stets einen Drittel meines Lohns für Platten und Konzerte beiseitegelegt.
Dieses Geld ging noch an die Läden, die Labels und zu den Künstlern. Wenn ich mir heute bei Spotify für 10 Euro im Monat nur zwei Sodom-Songs anhöre, dann ist das mein Problem, aber grundsätzlich möchte ich noch immer, dass meine 10 Euro auch an Sodom und ihr Label gehen. Sie sollten nirgendwo anders hingehen. Leider wird dies alles verwässert. Das Problem ist also, dass Underground-Bands und Underground-Labels gar nicht mit den grossen Labels mithalten und sicherstellen können, dass sie richtig entschädigt werden. Im Underground sind wir darauf angewiesen, dass die Leute unsere T-Shirts und unsere Musik in physischer Form kaufen. Dennoch sollte man aus meiner Sicht die Streaming-Dienste nicht verteufeln, denn um Musik zu entdecken ist es wahrhaftig genial. Ansonsten gehe ich fast wöchentlich an ein kleines Konzert, kaufe auch eigentlich immer etwas.
Ich liebe es, Gamma Ray vor 50 Leuten spielen zu sehen. Das ist für mich ein grosser Gewinn. Wenn sie in Arenen auftreten, ist mir das egal. Diese Art von Konzept hat für mich nichts mit der Musik zu tun, die ich liebe. Ich möchte kleine Festivals und kleine Gigs. Ich komme nochmal mit Kanonenfieber: wenn sie schlecht wären, dann würde ihre Show mit all dem Zeugs einfach nur lächerlich aussehen. Aber da ihre Musik gut ist, unterstützt die Bühnenshow das Ganze noch ein bisschen. Fang damit an, gute Musik zu machen und gut zu sein, und füge dann den Rest hinzu, nicht umgekehrt. Das ist schwer.
Mir ist bewusst, KI ist da, ob es mir gefällt oder nicht. Das können wir nicht rückgängig machen. Es stellt sich eher die Frage, wie wir uns dazu positionieren. Lassen wir sie die Musik für uns machen? Dann glaube ich, sind wir am Arsch, denn im Grunde ist sie nicht intelligent. Sie ist einfach nur eine Neuauflage alter Ideen. Vielleicht wird KI in fünf Jahren einzigartigere, bessere Musik machen, als wir es können. Aber der Unterschied ist, dass KI nicht performen kann. Ich weiss, dass einige Bands KI fürs Coverartwork benutzen, das tun wir aber nicht. Wir nutzten KI, um die industriellen Arbeitsszenen in einem der Videos zu generieren, weil wir schlichtweg nicht das Budget hatten, eine Fabrik zu bauen und sie in die Luft zu jagen (lacht).
Also nutzen wir sie für Dinge, die wir sonst nicht machen können, allerdings nur visuell. Ich glaube, dass KI ein Tool ist, mit dessen Umgang man künftig sehr vorsichtig sein muss. In der Musik ist Kreativität noch immer das Wichtigste! Wenn ich mir nämlich Bands von heute anhöre, sind viele davon so verdammt generisch und langweilig, dass es mir eigentlich egal ist, ob es von Menschen oder von KI stammt. Es ist nichts Neues. Für mich ist es deshalb so wichtig, meine Musik sehr roh und sehr menschlich zu halten.
MF: Das ist doch ein lobenswerter Ansatz.
Johan: Ich glaube einfach, dass es das menschliche Element in der Musik braucht. Ein intelligenter Mensch ist vielleicht im Stande, mit KI intelligente Musik zu machen. Dennoch glaube ich, dass der Mensch über diesen Dingen steht. KI hat zu vielen Themen ein antrainiertes Wissen, aber keine Meinung. Wenn du mich heute etwas fragst, habe ich dazu in einem Jahr vielleicht schon wieder eine ganz andere Meinung. Weisst du, was ich meine? Der Mensch ist wichtig!
MF: Absolut und ausserdem bist du noch ein Teil der Analog-Generation, der die Kindheit und Jugend ohne Social-Media erlebt hat. Du hast noch die alten Zeiten erlebt, als alle Interaktionen mit echten Personen waren.
Johan: Ich bin ein sehr fauler Mensch, deshalb finde ich es ziemlich schön, solche Treffen von zuhause aus zu erleben (virtuell). Vielleicht liegt es auch daran, dass ich älter werde (lacht). Es war nicht besser früher, es war einfach anders. Aber ich vermisse es, dass heute, wenn man zum Beispiel an ein Konzert geht, die Hälfte der Leute nicht mehr geniesst, was sie hören und sehen. Jeder zweite filmt und ist irgendwie gar nicht wirklich da. Warum kann man den Moment nicht einfach geniessen? Gegen ein Foto sagt ja keiner was, aber weshalb muss man die ganze Show aufnehmen? Für wen nimmt man das auf? Um es auf YouTube zu stellen und ein paar Klicks und Likes zu bekommen? Ich weiß es nicht.
Ich denke, ich vermisse mehr die Tatsache, dass in den alten Zeiten weniger reglementiert wurde. Jeder hat irgendwie versucht, innovativ zu sein und ist sein Projekt anders angegangen. Heutzutage, den sozialen Medien sei Dank, möchte jeder das tun oder haben, was bereits andere tun oder haben. Schliesslich ist es ganz simpel herauszufinden, wie viele Hörer man pro Monat hat. Früher wusste man das nicht. Man wusste vielleicht, dass Dissection eine grössere Band sind als Oz. Das wusste man, aber es gab keine genauen Zahlen. Heute kann man seinen Erfolg vortäuschen, indem die Leute Plays auf Spotify kaufen, um grösser zu wirken, als sie sind.
Für mich ist das eine ganz schreckliche Entwicklung. Wenn es 100 Leute gibt, denen dein Sound tatsächlich wichtig ist, ist das wertvoller als 10’000 fiktive Leute zu haben, denen deine Arbeit scheissegal ist. Also, dieser Wettlauf, bei dem jeder versucht, die meisten Likes, Follower und Reposts zu bekommen, finde ich einfach nur dumm, weil wir damit nur wertvolle Zeit verschwenden. Zur Krönung gibt es noch die verdammte Politik und der ganze andere Scheiss. Facebook ist nur noch ein Sumpf voller Scheisse, zumindest für mich. Es ist kaum möglich, einen Post zu machen, ohne dass irgendjemand etwas hineininterpretiert und anfängt zu streiten. Diese Seite könnte meiner Meinung nach abgeschafft werden, denn sie macht weder mein Leben noch das Leben anderer besser.
MF: Ein Thema, bei dem eine klare Haltung immer wichtiger wird. Nun, für «2026» konnte das Label Black Lion Records gewonnen werden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Johan: Ich kenne den Label-Gründer Oliver (Dahlbäck) seit gut 15 Jahren. Er hat einen der ersten Netherbird-Gigs gemacht, da habe ich ihn kennengelernt. Über die Jahre hatten wir mal mehr, mal weniger Kontakt und schliesslich haben wir die erste Riket-EP auf einer 7-Inch-Vinyl über sein Label herausgebracht. Er wusste also genau, was wir so tun, und dies fand er für Black Lion durchaus interessant. Er ist ein guter Freund, dem ich wirklich vertraue, und so ist die Zusammenarbeit ganz organisch zustande gekommen.
MF: Eine natürliche Fügung des Schicksals sozusagen.
Johan: Genau! Er versucht bis heute, frischen, unbekannten Bands eine Plattform zu bieten und zu helfen. Er ist nur am Rande daran interessiert, mit ihnen Geld zu verdienen, zumindest zu Beginn. Wer investiert, wird auch belohnt, so seine Devise. Für mich ist dies genau der richtige Weg, wie man an eine Sache herangehen sollte. Ausserdem ist mir der Typ saumässig sympathisch.
MF: Und wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Johan: Nun, weil mein Riket-Mitbegründer Tobias die Band sehr unerwartet verlassen hat, mussten wir einen neuen Gitarristen einarbeiten. Dieser hat sich schnell im Bandgefüge eingelebt, sodass wir bis zum Spätsommer, spätestens Herbst, Konzerte geben können. Es wäre toll, als Vorband für eine etabliertere Death- oder Thrash-Truppe aufzutreten. Vielleicht planen wir auch eine kleine Tour durch den Balkan, denn dort haben wir schon einmal gespielt und es hat uns dort wirklich gut gefallen. Die Extreme Metal-Szene dort ist sehr leidenschaftlich und ähnelt der früheren Szene im Norden. Das macht echt Spass. Erst vor zwei Wochen haben wir beim Inferno Festival in Oslo gespielt und diesen Freitag steht ein LG Petrov-Memorial-Gig an, der jährlich in Stockholm in einem kleinen Club stattfindet.
Wie gesagt, wir versuchen die Dinge so einfach wie möglich zu halten, damit wir sie auch auf der Bühne umsetzen können. Da ist nämlich der Ort, an welchem wir unsere Geschichten erzählen. Wir sprechen auch zwischen den Songs und erklären dem Publikum, was es mit den Songs auf sich hat. Riffs sind nicht das Einzige, was zählt. Das Live-Setting ist uns also sehr wichtig und wir hoffen, dass wir im Spätsommer oder Herbst ein paar Konzerte spielen können. Toll wäre auch, im nächsten Jahr, auf einigen kleineren Festivals rund um Europa spielen zu können, aber es braucht immer jemanden, der dies organisiert. Wir (Riket) sind immer an Auftritten interessiert, besonders ausserhalb Schwedens. Wir sind eine neue Band mit realistischen Ansichten. Das Einzige, was wir wollen, ist ein Datum und einige Leute, die Extreme Metal mögen (lacht).
MF: Bist du wirklich so bescheiden?
Johan: Ja, wirklich! Wir haben oft vor fünfzehn Leuten gespielt (lacht). Ich weiss, dass wir eher für kleinere Bühnen gemacht sind. Für uns ist es eher wichtig zu wissen, dass ein Underground-Event immer Spass bedeutet.
MF: Wenn wir schon bei Todesmetal und Spass sind: welches sind für dich die fünf wichtigsten Death Metal Bands aus Schweden?
Johan: Oh fuck! Nun, fünf Death Metal Bands? Die beste Band ever ist Bathory, meiner Meinung nach, obwohl es keine Death Metal-Band ist. Dann würde ich sagen Grave, dann Dismember, Entombed und Unleashed. Die fünfte Band ist Desultory. Das erste Desultory-Album ist eines der besten Death Metal-Alben, das je aufgenommen wurde. Eine sträflich unterschätzte Band.
MF: Danke für den Tipp! Die werde ich mir im Anschluss gleich anhören.
Johan: Unbedingt! Ihr erstes Album heisst «Into Eternity». Es ist absolut magisch!
MF: Ok, gut zu wissen. Wenn du nicht gerade mit deinen Band-Kumpels Musik machst, welche Interessen oder Hobbys hast du ausserhalb der Musik?
Johan: Ich habe viele. In erster Linie bin ich ein Metal- und Musik-Fan. Ich gehe gerne an Konzerte. Wie gesagt, die kleineren sind mir lieber. Es muss aber nicht immer Extreme Metal sein. Genauso mag ich Synthwave-, Darkwave-, EBM- oder Neofolk-Konzerte. Eigentlich egal was, Hauptsache ehrlich und roh, das mag ich. Ausserdem mag ich andere Künste, Museen zum Beispiel. Wir haben ein tolles Photographie-Museum in Stockholm. Dieses erzählt auch viel Geschichtliches. Falls möglich, verweile ich gerne im Museum, denn viele meiner Songideen entstehen an solchen Orten.
Kunst kann sehr inspirierend sein! Ich lese auch ein wenig. Biographien und Historisches haben es mir besonders angetan. Ansonsten mag ich Bier und treffe mich gerne mit Freunden. Bei diesen beiden Aspekten versuche ich aktiv zu bleiben (lacht). Ausserdem habe ich gelernt, dass es viel grossartige Musik gibt, die nichts mit Metal zu tun hat. Im Metal kenne ich vermutlich alle Bands, die ich mag, aber wenn ich mich zum Beispiel mit einer anderen Musikrichtung beschäftige, gibt es auch dort einige wirklich grossartige Gruppen zu entdecken. Ich für meinen Teil aber, will nur Death Black Metal spielen, weil es die einzige Musik ist, die natürlich zu mir passt.
MF: Okay…
Johan: Ich bin kein Jazz-Musiker und auch kein Synthesizer-Typ. Metal ist die Musik, die ich mache, aber Inspiration finde ich auch anderswo.
”…ironisch, wenn man bedenkt, dass die Grundidee dieser Musikrichtung war, keine Regeln zu haben…”
MF: Gibt es noch etwas, das dir wichtig ist oder die Fans über dich wissen sollten?
Johan: Zunächst einmal sollte man sich von niemandem vorschreiben lassen, was gute Musik ist und was nicht. Es gibt so viele „Gatekeeper“, und ich habe das so satt. Besonders im Black Metal gibt es so viele Leute, die eine vorgefasste Meinung darüber haben, was man hören sollte und was nicht. Ironisch, wenn man bedenkt, dass die Grundidee dieser Musikrichtung war, keine Regeln zu haben und sich nichts vorschreiben zu lassen. Jeder sollte die Musik hören, die ihn anspricht. Natürlich hoffe ich, dass auch einige einen Zugang zu Riket finden werden.
Wenn bloss zwei weitere Leute mehr unsere Musik lieben, dann ist alles gut, aber die Zukunft gehört immer den Jungen. Quorthon von Bathory sagte einmal, dass jede neue Generation die alten Götter der vorherigen Generation töten muss. Ich liebe junge Bands wie Xorsist, die fantastischen Oldschool Death Metal spielen. Bleibt neugierig! Wenn ich mir Riket anschaue, ich bin jetzt 51 Jahre alt, aber wir haben zwei Jungs in der Band, die 21 Jahre alt sind. Das Alter ist also völlig irrelevant. Die Frage ist vielmehr: Verstehen wir uns musikalisch und haben wir eine gemeinsame Vision von dem, was wir erreichen wollen? Und ich hoffe, dass jeder, der das hier liest, den Mut hat, sich selbst treu zu bleiben. Sollten sie zufällig noch Riket mögen, dann ist es das Allerbeste (Gelächter).
MF: Besten Dank, Johan. Das war sehr ausführlich und interessant.
Johan: Noch etwas: wenn du Freude an der Musik hast, denke nicht, dass du es nicht kannst. Schnapp dir eine Gitarre und versuch zu spielen, denn noch ist nicht jeder Song geschrieben. So, das war mein letzter Einsatz (lacht). Viel Gerede! Ich hoffe, dass du etwas Brauchbares hast.
MF: Ganz bestimmt! Johan, ich danke dir für deine Zeit. Vielleicht sehen wir uns einmal bei einem Gig in der Schweiz.
Johan: Gerne! Falls es in der Schweiz kleinere Veranstalter gibt, schick mir bitte ihre Daten, damit ich sie kontaktieren könnte. Wir haben ein paar sehr enge Freunde, die ebenfalls in der Gegend von Basel wohnen. Daher wäre es schon Grund genug, einfach mal in die Schweiz zu fahren.
MF: Das freut mich zu hören. Das mache ich gerne…
Johan: …und sag mir Bescheid, wenn du mal in Stockholm bist. Dann spendiere ich dir ein Bier oder einen Kaffee. Ja, sehr gut.
MF: Besten Dank für die Einladung und einen schönen Rest der Woche. Wir sehen uns, bye!
Johan: Dir auch, geniess es!