«Stare Into The Seething Wounds» basiert auf zwei Hauptelementen: eisige, düstere Atmosphären mit grungigen Vocal-Hooks sowie unverblümte Metalcore-/Deathcore-Salven, die eher auf Geschwindigkeit und Dichte als auf eine narrative Form setzen.
Die stimmungsvolleren Passagen des Albums spielen mit der DNA der 90er Jahre, jedoch nicht durch Imitation, sondern durch die Übernahme der grungigen emotionalen Distanz. Ben Hoaglands klare Vocals schweben tief im Mix wie ein halb vergessener Radiosender, oft überlagert von bewusst unpoliert wirkenden Gitarrenklängen, die fast verschwommen an den Rändern sind. Diese Passagen schaffen eine gotisch Atmosphäre, die Hörerinnen und Hörer ansprechen könnte, die Metal mit minimaler Helligkeit bevorzugen - man denke an nächtliche Spaziergänge mit Kopfhörern durch den Nebel, nicht an Adrenalin in Live-Locations.
Die härteren Segmente schlagen ohne Umschweife zu. Breakdowns fallen wie Falltüren: abrupt, schwer und oft so tief gestimmt, dass der Rhythmus eher einem Rammbock als einem Puls gleicht. Besonders hervorzuheben ist Schlagzeuger Vince Alvarez – sein Timing ist präzise, selbst wenn das Songwriting überladen wirkt. Die berüchtigte Keg-Percussion der Band entsteht durch den Einsatz eines Bierfasses (Keg) als improvisiertes Schlaginstrument. Dadurch entsteht ein roher, erdiger Klang, der dem Song eine bewusst raue und ungezähmte Klangfarbe verleiht und dem Gesamtsound eine markant wilde Note hinzufügt.
Für Fans stromlinienförmiger Brutalität (Bodysnatcher-artige Pits, unkomplizierte Riff-Zyklen) gibt es einige bemerkenswerte Momente. Aber für diejenigen, die sich nach Dynamik, Charakterbögen oder einprägsamen melodischen Höhepunkten sehnen, fühlt sich das Album aufgrund seiner langen Laufzeit und des begrenzten Kontrasts schwerer an, als es fesselnd ist. Es lohnt sich, es wegen der Produktionsbesonderheiten und Alvarez' Performance anzuhören. Ob man es komplett kaufen sollte, hängt davon ab, wie sehr man dichte Düsternis gegenüber sich entwickelndem Songwriting tolerieren kann.
Lukas R.