Live? Ja, Schweiss, Lichter, schreiende Fremde, perfektes Chaos, ruckartig & nervös. Aber zu Hause? Wann soll ich das Ding überhaupt spielen? Im Auto? Nein. Unfall garantiert. Schlafen – unmöglich. Das Gehirn ist zu wach. Arbeit – ja, vielleicht. Wenn ich schräge Ideen, Querdenken und kreative Fehlfunktionen brauche. Sonst ist es unklar. Wenn Ihr trotzdem beim Tanz-Ritual der nackten Ratte mitmachen möchtet..., bitte! Die schuligen Damen wuseln bald in den Schweizer Gewölben herum. 06.05.26, St. Gallen, Bahnhof Bruggen als auch 07.05.26, Bern, Rössli. Und genau diese Verwirrung ist der springende Punkt von «Naked Rat Dance».
Das schwedische Duo The Guilt agiert in einer seltsamen zeitlichen Blase, in der Electroclash, Art-Punk und Goth-Attitüde den modernen Minimalismus nie kennengelernt haben. Anstelle einer glatten Produktion ist hier alles übertrieben: Drum-Machines stampfen wie schwere Stiefel auf Metall-Treppen, Gitarren schneiden mit nervösen Ausbrüchen und Synthesizer summen mit absichtlicher Dummheit – nicht poliert, aber ausdrucksstark. Die Platte jagt nicht nach Coolness, sondern umarmt theatralische Unbeholfenheit. Im Gegensatz zu den meisten Electropunk-Bands, die auf ironische Distanzierung abzielen, klingen The Guilt emotional überhitzt.
Jeder Track fühlt sich an wie ein dramatischer Monolog, der über eine Tanzfläche geschrien wird. Die Melodien wirken für einen Moment eingängig, sabotieren sich dann aber selbst mit Verzerrungen, als würde Aufrichtigkeit unangenehm werden und wieder aufgekratzt werden müssen. Wer sollte sie sich anhören? Alle, die perfekte Playlists und algorithmische Glätte satt haben. Fans von Persönlichkeit, Spannung und chaotischer Menschlichkeit werden hier ihren Wert finden. Wer Hintergrundmusik sucht, wird nach wenigen Minuten davonlaufen. Man wird das nicht jeden Tag hören wollen, Aber wenn der innere Rattus norvegicus erwacht, passt es vielleicht.
Lukas R.
