Auch ältere Mötley Crüe hinterlassen ihre Spuren. Sogar der Gesang von Yamila Martins erinnert teilweise an Vince Neil. Auch die immer wieder toll gespielten Guitar Twin-Soli sind echt klasse und weisen ganz klar die Handschrift von Dave Murray und Adrian Smith auf. Die geradlinig gespielten Songs wie «Nighhunter» gefallen besonders gut und erinnern etwas an Accept. «Black Goat Rising», eine schnelle Metal-Nummer, atmet wieder den Geist von frühen Iron Maiden. Klasse, was die Spanier hier abfeuern. Hört Euch nur mal das Gitarren-Solo an.
Der Anfang von «Lightning Strikes» trägt klare Vibes von Judas Priest, bevor die Jungs dann mit einem kleinen Punk-Einschlag wieder Vollgas geben. Mit «Masquerade Of Shadows», einem schwerfälligen Riff-Song, erinnern die Spanier etwas an Black Sabbath, auch das Gitarren-Riff klingt klar nach Tony Iommi, unglaublich, wo der Brite überall seine Spuren hinterlassen hat. Man kann das Debüt der Herren aus Barcelona klar als gelungen betrachten. 38 Minuten lang 80er-Jahre Heavy Metal voll auf die Fresse, klasse gespielt.
Crazy Beat
Punkte: 8.0 von 10
2. Meinung: Die wohl berühmteste spanische Hexen-Geschichte stammt aus Zugarramurdi, einem kleinen Dorf in Navarra. Im Jahr 1610 hielt die spanische Inquisition hier einen ihrer grössten Hexen-Prozesse ab. Dutzende Menschen wurden beschuldigt, in nahegelegenen Höhlen an Hexen-Sabbaten teilgenommen zu haben. Mehrere von ihnen wurden hingerichtet.
Vier Jahrhunderte später müssen die Geschichtsbücher vielleicht nicht neu geschrieben werden, die Rock-Bühnen aber durchaus. Mit «Season Of The Witch» versuchen WICKED LEATHER aus Barcelona, ihre eigene Hohepriesterin aus Stahl und Schatten zu krönen. Ob Sängerin Yamila "Yami" Martins wirklich zum Status einer Hexenkönigin aufsteigt, bleibt fraglich. Meine Begeisterung hält sich da sehr in Grenzen. Musikalisch ist das Album im traditionellen Heavy Metal verwurzelt. Die knackigen und direkten Riffs orientieren sich an den Vorbildern der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, ohne ihre Einflüsse zu verbergen.
Doppelte Gitarren-Linien schneiden sich scharf durch Tracks wie «She Is the Storm», während «Black Goat Rising» und «Midnight Creature» auf treibenden Rhythmen reiten, die mit okkultem Drama flirten. Die Rhythmus-Gruppe treibt die Songs mit verlässlicher Kraft voran, da gibt es keine auffälligen Umwege. Im Mittelpunkt steht Martins Stimme. Sie ist eher unmelodiös und oft bis an ihre Grenzen gedehnt oder gar nasal («Masquarade Of Shadows»), es scheint mir eher eine Stimme für eine Punk- oder Garagen-Band zu sein (frühe Blondie lassen grüssen). Doch diese Trotzigkeit sorgt zumindest dafür, dass man genauer hinhört.
Sie fügt sich nicht in den Mix ein, sondern kämpft sich durch ihn hindurch. Für manche Zuhörer wird das wohl klar ein Stolperstein sein. Das Songwriting sprengt keine Genre-Grenzen und der Produktion fehlt es an Biss, doch das Potenzial ist vorhanden. Fans von rohem, schnörkellosem Heavy Metal mit einem theatralischen Okkultismus-Touch könnten «Season Of The Witch» für hörenswert halten – schon allein, um selbst zu entscheiden, ob der Hexenzirkel wirklich seine Königin gefunden hat. Die beiden Videos sind, vorsichtig formuliert, ziemlich grauenhaft.
Lukas R.
Punkte: 5.0 von 10