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"…Jahre zogen ins Land, und es gab unzählige Gründe, wieso alles so lange dauerte…"
Bekannt wurden Crimson Glory nicht nur durch ihre Gesichtsmasken, sondern auch dank ihrer beiden ersten Alben «Crismon Glory» (1986) und «Transcendence» (1988). Was die Amis damals veröffentlichten, war die Weiterführung der ersten beiden Queensrÿche Werke in einer anderen, musikalischen Dimension. Ben Jackson (Gitarre), Jon Drenning (Gitarre), Jeff Lords (Bass), Dana Burnell (Drums) und Midnight, die Stimme der Stimmen, lösten eine Euphorie aus, die sie mit dem rockigeren Werk «Strange And Beautiful» (1991) selbst ins Stocken brachten.
Es zogen viele Jahre ins Land, zig Musiker kamen und gingen wieder. Erst mit Travis Willis (Gesang) und Mark Borgmeyer (Gitarre) schien sich wieder ein stabiles Line-up zu ergeben. Jon konnte/wollte nicht mehr aus familiären Gründen und Midnight verstarb viel zu früh 2009. Wie es zum fünften Album «Chasing The Dragon» kam, erzählte mir Ben, der nach seinem Ausscheiden 1990 bei Crimson Glory zuerst mit Parish und dann solo unterwegs war. Dazu stellte ich viele Fragen und bekam ebenso viele Antworten zurück.
Ben: Hallo Martin, wie geht es dir?
MF: Alles bestens, danke dir, die Sonne scheint in der Schweiz…
Ben: …oh, im absolut schönsten Land der Welt, wunderbar! Oder das sauberste (lacht).
MF: Dann wird es höchste Zeit, dass ihr wieder in die Schweiz kommt und hier eine Show spielt!
Ben: Ja, ich hoffe dass das geschieht, hoffentlich klappt es im Juli. Da wir in Italien spielen, könnten wir dies mit der Schweiz verbinden. Aktuell ist es aber eher ein Gerücht.
MF: Wieso hat es 27 Jahre gedauert, bis ihr ein neues Album veröffentlicht?
Ben: Du weisst es Martin, die Band hatte ihre Hochs und Tiefs und die Besetzung wechselte immer wieder. Musiker gingen und kamen. Nicht jeder war immer zur richtigen Zeit am richtigen Platz, damit die Truppe weiterarbeiten konnte. Jahre zogen ins Land, und es gab unzählige Gründe, wieso alles so lange dauerte. Einige von uns hatten Nebenprojekte oder ihr Soloding am Laufen. Die Konzentration lag nicht bei Crimson Glory. Jon Drenning, der andere Gitarrist, war mal dabei, dann wieder weg (lacht). Aber, hier sind wir wieder!
MF: Was war für euch die grösste Herausforderung beim Schreiben der neuen Lieder?
Ben: Es war keine Herausforderung, sondern wir versuchten uns an «Transcendence» zu orientieren. Das war schon immer die Musik, die wir spielen wollten. Vielleicht sind wir ein bisschen moderner geworden und haben die progressiven Elemente erweitert. Ja, man kann sagen, dass «Chasing The Hydra» das vielleicht progressivste Werk ist, das wir bis anhin veröffentlichten. Aber wir klingen noch immer nach den klassischen Crimson Glory und den ersten beiden Alben.
MF: Ist es für dich heute einfacher als früher, neue Songs zu schreiben?
Ben: Es fühlt sich einfacher an (grinst). Dies auch, weil wir zuerst auf Tour waren und die alten Songs spielten. Wir hatten viele gute Ideen, aber das war früher schon so, als wir jung waren. Wir hatten nie Probleme damit, neues Material zu komponieren. Vieles hörte sich von Beginn weg sehr gut an, während wir an anderen Parts ein bisschen länger arbeiteten. Da wir immer unsere Projekte hatten und Neues kreierten, fiel es uns bei «Chasing The Hydra» nicht sonderlich schwer, die Tracks zu formen. Jeff, Travis, Mark, Dana und ich haben uns dabei bestens ergänzt.
MF: Wer hat die Songs geschrieben?
Ben: Jeff hat den Grossteil der Musik komponiert. Des Weiteren haben Jeff und ich einiges dazu beigetragen. Travis hat die meisten Texte und Melodien geschrieben. Jeff und ich haben ihn dabei immer wieder unterstützt. Dana hat seine Drum-Parts geschrieben und kreierte wirklich tolle Elemente, welche die Lieder aufwerteten. Wir haben keine Drum-Computer auf der Scheibe und sind sehr glücklich damit. Es fühlt sich alles sehr organisch an. Drum-Maschinen, Triggers und Samples machen ein Album nicht lebendig. Ich bin froh, dass wir alles noch nach guter, alter Tradition aufgenommen haben.
"…Es ist ein starker Titel der davon handelt seine Träume zu verwirklichen…"
MF: Was wollt ihr uns mit dem Album-Titel «Chasing The Hydra» vermitteln?
Ben: Es ist ein starker Titel der davon handelt seine Träume zu verwirklichen und damit die Hindernisse zu überwinden, die sich dir in den Weg stellen. Über all diese Steine zu steigen und diesen siebenköpfigen Drachen zu besiegen, der dich jeden Tag in deinem Leben (lachend) bekämpft.
MF: In welchem Zusammenhang steht das Cover mit den Texten?
Ben: Travis hat den Text geschrieben. Basierend auf persönlichen Dingen, die sich in seinem Leben zugetragen haben. Es geht dabei nicht nur um den Drachen. Ich denke, dass sich jeder Zuhörer in diesem Text wiederfindet und sich seine eigene Meinung darüber machen kann oder die eigene Story vor seinem geistigen Auge sieht (grinst).
MF: Ihr habt euch wieder Masken fürs Gesicht zugelegt. Wie kam es dazu?
Ben: Wir dachten darüber nach, weil sie in der Vergangenheit eine enorme Auswirkung auf unsere Karriere hatten. Es sollte ein Statement sein: "Schaut, Crimson Glory sind zurück und tragen wieder ihre Masken, wie früher". Für viele Leute war dies sehr aufregend zu sehen. Wir machten ein Fotoshooting, veröffentlichten eine Pressemitteilung mit ihnen und spielten einige Shows. Dabei fragten wir nicht die Fans, ob wir wieder mit den Masken auf die Bühne gehen sollen (lacht), sondern haben es einfach gemacht. Keine Ahnung, wie lange wir sie tragen werden, beziehungsweise, ob sie sich wieder ändern werden.
MF: Wer hatte zu Beginn eurer Karriere die Idee mit den Masken, die damals noch das ganze Gesicht überdeckten?
Ben: Die ursprüngliche Idee kam von Jon und unserem damaligen Manager. Sie luden mich eines Tages auf, als wir zu einem Fotoshooting fuhren. Auf dem Weg dahin hielten wir bei einer Giesserei an und kauften uns dort diese Gesichtsmasken. Wir hatten diese Idee für das Fotoshooting, trugen die Masken, die unser komplettes Gesicht bedeckten, diskutierten und spielten mit dieser Idee herum. Dabei fragten wir uns, ob sie zu einem coolen Image beitragen könnten. Sie verliehen der Band zusätzlich einen visuellen Effekt.
"…Mit dem zweiten Album kreierten wir die Halbmasken…"
MF: Wie schwer war es, mit diesen Masken aufzutreten?
Ben: Die Originale waren die Hölle (lacht). Nach dem ersten Album sind wir mit ihnen aufgetreten. Mit diesen Ganzmasken war es verdammt schwer zu atmen (lacht) und die Augen begannen zu tränen. Das war sehr unbequem. Mit dem zweiten Album kreierten wir die Halbmasken und gingen mit diesen "Phantom der Oper" Dingern auf die «Transcendence» Tour. Es war um einiges einfacher, mit ihnen zu performen (lacht).
MF: Wie schwer war es, einen Nachfolger für Midnight zu finden?
Ben: Ganz ehrlich, es war unglaublich hart. Es gibt nur einen Midnight, der so singt. Niemand wird ihn jemals ersetzen können. Seine Stimme und seine Ausstrahlung sind einmalig. Wir hatten aber das Glück, einige sehr gute Sänger in die Band zu holen. Zum Beispiel Wade Black für das «Astronomica» Werk. Er hatte einen komplett anderen Stil, was dieses Album so einzigartig macht. Er vollbrachte einen fantastischen Job. Todd La Torre (heute bei Queensrÿche) war bei uns und für einige Jahre mit seinem fantastischen Beitrag für das Weiterleben von uns mitverantwortlich. Die Fans umarmten und empfingen ihn mit offenen Armen. Er war wirklich ein sensationeller Sänger bei Crimson Glory.
Mit Travis haben wir nun einen Shouter gefunden, der sich nicht davor scheut, in die Fussabdrücke von Midnight zu stehen. Er performt das alte Material, welches Midnight komponierte und sang. Jeden Abend ist dies ein spezieller Moment für uns. Es ist ein schwieriges Unterfangen. Travis hat uns gezeigt, dass er der richtige Shouter für diesen Job ist. Er kann das alte Zeugs singen und besitzt zugleich die Fähigkeit, Neues zu komponieren, das nahtlos an die alte Zeit anschliesst. Mit ihm ist es ein sehr spezieller Moment in einem neuen Kapital von uns.
MF: Welche Erinnerungen hast du an die Zeit mit den ersten beiden Alben?
Ben: Ich habe viele grossartige Erinnerungen, speziell an die Zeit, als wir alle noch jung waren (grinst). Damals, als wir Material für die Demos komponierten. Lieder wie «Dragon Lady» oder «Azreal». Wir haben viele Demos gemacht, bevor wir uns mit einem kompletten Album ans Tageslicht wagten. Dann standen wir plötzlich im "Morrisound Studio" in Tampa, Florida und nahmen unsere erste Scheibe auf. Da, wo so viele Klassiker entstanden sind.
Die Zeit, in der wir unser Debüt aufnahmen, war für uns alle eine sehr lehrreiche Phase. Leute wie Jim und Tom Morris haben das Studio gegründet und wir standen mit Dan Johnson im Aufnahme-Tempel. Das war für uns Jungspunde ein Segen und ein grossartiger Moment. Mit dem zweiten Album lernten wir noch viel mehr dazu (grinst) und wuchsen weiter zusammen. Wir waren junge Typen mit weit aufgerissenen Augen und versuchten so viel aufzusaugen, wie es ging. Dabei strebten wir danach eine so grossartige Band zu sein, wie es möglich war.
MF: Erinnerst du dich noch an die Europa-Tour mit Doro?
Ben: Oh ja, das war eine fantastische Zeit! Ich erinnere mich noch daran, dass sie zwei komplett in pink angestrichene Tourbusse hatte (lacht). Wir sind ihnen jede Nacht in unserem Tourbus gefolgt. Es war zum ersten Mal, dass wir eine so lange Konzertreise in Europa abhielten. Dabei spielten wir in vielen Ländern und konnten jeden Abend für sie eröffnen. Wir haben jeden Tag genossen. Doro und ihre Truppe verhielten sich dabei sehr fair und cool uns gegenüber.
"…Die Erfahrung zu machen, wie alles im Studio umgesetzt werden kann…"
MF: Magst du es lieber auf Tour zu sein oder im Studio zu arbeiten?
Ben: Ich mag beides, auch wenn es zwei komplett unterschiedliche Welten sind. Ich liebe es sehr, neues Material zu komponieren und aufzunehmen. Die Erfahrung zu machen, wie alles im Studio umgesetzt werden kann. Zu hören, wie sich alles zusammenfügt. Vom ersten Puzzle-Teilchen an, das sich mit den anderen zusammenfügt und letztlich zu einem Ganzen wird. Aufzunehmen, zu mischen und alles zu beenden, das ist eine wundervolle Erfahrung. Es ist immer harte Arbeit, aber zugleich auch viel Spass.
Auf der Bühne zu stehen ist eine komplett andere Geschichte. Die Verbindung mit deinen Fans aufzubauen, in ihre Augen zu sehen und zu bemerken wie glücklich sie sind, das ist fantastisch. Viele nehmen unzählige Kilometer unter die Räder, nur um Crimson Glory zu sehen. Wie geil ist das denn? Das ist einer der schönsten Momente. Auch wenn die Fans die Lieder mitsingen und ich auf der Bühne kurz innehalte, um dieses Gefühl zu geniessen. Zwischen den Tracks einfach zu lächeln und diesen Moment aufzusaugen, das ist der Wahnsinn (lacht).
MF: Wie schwer war es für euch von einer Tour zurückzukommen und sich wieder dem normalen Leben zu widmen?
Ben: Das war nie schwierig, weil wir nicht zu diesen Bands gehören, die sich ein halbes Jahr auf Tour befanden. Speziell zu Beginn waren wir höchstens für ein paar Wochen weg. Die längste Konzertreise die wir jemals spielten, war diejenige im Herbst, als wir in Nordamerika mit «Transcendence» für drei Monate unterwegs waren. Wir gingen immer unseren Jobs nach, um uns über Wasser halten zu können. Hatten wir etwas mit der Band zu tun, kamen wir danach nach Hause und führten unser einfaches Leben. Jobs, Familien und völlig normale Dinge beherrschten unser Leben.
MF: Was passierte nach «Transcendence»?
Ben: Das war 1990, Jon hatte neue Ideen und versuchte Crimson Glory auf einen anderen Weg zu lenken. Er wollte nur noch einen Gitarristen in der Band haben und mehr in eine Blues Hard Rock Richtung gehen. Daraus resultierte «Strange And Beautiful», das ein Experiment für die Truppe war. Ich war damals nicht mehr an Bord, aber wenn ich zurückschaue, war es ein Teil der Geschichte von Crimson Glory. Ich habe kein ungutes Gefühl dazu. Das Resultat war sehr cool, unterschied sich aber sehr von den vorherigen Alben. Es ist ein tolles Stück in der Geschichte der Band.
"…Ich war mit dem was wir erreicht hatten und wohin wir gehen wollten, sehr glücklich…"
MF: Hat es dich geschmerzt die Band zu verlassen, welche du mitbegründet hattest?
Ben: Klar, absolut! Ich war ein junger Typ, der gerade mal 27 Jahre alt war. Wir hatten vieles zusammen erlebt und eine Marke aufgebaut. Wir kehrten von dieser Nordamerika-Tour zurück und wollten in Japan spielen. Ich war mit dem was wir erreicht hatten und wohin wir gehen wollten, sehr glücklich. Dann kam dieses Gespräch im Januar 1990, als die Jungs mir unterbreiteten, dass sie in eine komplette andere Richtung gehen wollten. Es passierte und ist Teil der Geschichte. Ich habe meine Freude an der Musik jedoch nie verloren, auch wenn dir das Music-Business viel Frustration bereiten kann (grinst). Echte Musiker geben nie auf (lacht).
MF: Waren die beiden ersten Alben ein Fluch oder ein Segen?
Ben: Ganz klar ein Segen! Ich verbinde mit ihnen grossartige Erinnerungen und Erfahrungen. Diese durfte ich zusammen mit einigen meiner besten Freunde erleben, damals als wir jung waren. Wir waren ein Team und eine kleine Familie. Zusammen standen wir im Übungsraum, haben Neues erschaffen und alles was wir erleben durften, war definitiv ein Segen.
MF: Wie schwer war es in den Achtzigern mit dem eigenen Ego und demjenigen der anderen umzugehen?
Ben: Das war keine grosse Sache. Wie in jeder Truppe besitzen einige ein grösseres Ego, während andere bescheidener unterwegs sind. Vielleicht war einer dabei, der ein extravaganteres Ego mit sich herumtrug (lacht). Du weisst was ich meine (lacht). Wir haben uns immer gut ergänzt, sonst hätte es auch nicht so gut funktioniert.
MF: Geniesst du die Musik heute mehr als früher?
Ben: Es ist mit mehr Komfort verbunden. Gehen wir ins Studio oder schreiben neue Tracks, sind wir nicht mehr so ängstlich oder aufgeregt (lacht). Ich bin mir bewusst, dass das was wir tun, auch gut wird. Noch immer ist es harte Arbeit, braucht Teamwork und dauert teils länger, um den passenden Part zu finden. In diesen Tagen bewegen wir uns jedoch in einem entspannteren Umfeld.
MF: Ich danke dir für dieses Interview und würde mich freuen, dich in der Schweiz wieder auf der Stage zu sehen.
Ben: Ich danke dir und hoffe dich dann zu sehen, sollten wir in der Schweiz spielen.
MF: Natürlich…
Ben: …dann lass uns nochmals sprechen, wenn es so weit ist (grinst). Hab' noch einen schönen Tag.