Im Kern basiert «Ferrum Sidereum» auf Spannung: zwischen Disziplin und Chaos, Ritual und Abrasion, Groove und Abstraktion. Die charakteristische Besetzung von ZU – Baritonsaxophon, Bass und Schlagzeug - bleibt täuschend minimalistisch, doch der Sound wirkt monumental. Massimo Pupillos Bass fungiert oft sowohl als harmonischer Anker als auch als perkussiver Motor und liefert Riffs, die schwer sind, ohne sich auf traditionelle Metal-Klischees zu stützen.
Luca T. Mais Bariton-Saxophon wechselt zwischen hypnotischen Motiven und wilden Ausbrüchen, während Paolo Mongardis Schlagzeugspiel muskulöse Präzision mit einem lockeren, beinah zeremoniellen Puls ausbalanciert. In «Golgotha» zum Beispiel entsteht die massive Wirkung vollständig ohne klassische Gitarren-Riffs - Bass, Bariton-Saxophon und elektronische Schichtungen erzeugen eine Schwere, die bewusst gitarrenfrei gedacht ist. Absolut genial wie ich finde.
Das von meteoritischem Eisen und seiner alten symbolischen Bedeutung inspirierte Konzept des Albums übersetzt sich in Musik, die sich sowohl kosmisch als auch geerdet anfühlt. Tracks wie «Charagma» und «Golgotha» erzeugen durch langsam aufbauende Strukturen und beunruhigende elektronische Texturen eine bedrohliche Atmosphäre. Spätere Stücke entwickeln sich zu langen Kompositionen, die organisch atmen und wachsen. ZU lassen Wiederholungen, Stille und allmähliche Veränderungen das Hörerlebnis prägen.
Die Produktion spielt dabei eine entscheidende Rolle. In Zusammenarbeit mit Marc Urselli entschied sich die Band, einen Grossteil des Albums live aufzunehmen, um die Körperlichkeit und die menschliche Reibung zu bewahren. Das Ergebnis ist ein Sound, der sich roh und doch sorgfältig ausbalanciert anfühlt: dichte Bässe, scharf definierte Percussion und Schichten aus Synthesizern und Effekten, die eher ergänzen als dominieren. Der Mix belohnt aufmerksames Zuhören und offenbart bei jedem erneuten Hören neue, subtile Details (nix für Spotify-Hörer, am besten Vinyl).
Was «Ferrum Sidereum» von vielen experimentellen oder Jazz Metal Veröffentlichungen unterscheidet, ist sein Sinn für Grösse und Intention. Trotz seiner Länge wirkt das Album selten überladen. Es entfaltet sich vielmehr wie eine langsame Prozession: ritualistisch, immersiv und mit Höhepunkten der Intensität, die durch meditative Passagen ausgeglichen werden. Das Album ist für Zuhörer, die bereit sind, sich auf eine physische und intellektuelle Reise mit der Musik einzulassen.
«Ferrum Sidereum» ist herausfordernd, kompromisslos und zutiefst menschlich. Für alle, die sich zu experimenteller Heavy-Musik hingezogen fühlen und denen Atmosphäre, Struktur und langfristige Entwicklung wichtiger sind als sofortige Befriedigung, ist dieses Album nicht nur hörenswert, sondern belohnt auch wiederholtes, konzentriertes Anhören. Wenn dies deine Musik ist: Die italienische Jazz Metal Avantgarde ZU ist mit Ferrum Sidereum auf Tour und spielt am 13. Februar 2026 gemeinsam mit Convulsif (CH) im Centre Culturel Ebullition in Bulle.
Lukas R.