Der Charme des Gebäudes macht es aus, ist sich Sandro Degiampietro, der Booker des OldCapitol, sicher. Zusammen mit Stefan Schärer (Geschäftsleiter) berichteten die beiden, wie aus einem Kino eine Konzert-Stätte wurde, die nicht nur dank ihres Balkons zu etwas ganz Besonderem geworden ist. Wer das OC bis jetzt noch nicht besucht hat, sollte dies unbedingt nachholen, denn dem Charme des Langenthaler Clubs kann Mann und Frau sich nicht entziehen.
Bedenkt man, dass Bad Ass Romance, China, Suffocation, Geoff Tate, Possessed, Fiddler's Green, Die Happy, Burning Witches, Hammer King, Shakra oder CoreLeoni bereits im OC spielten (abgesehen von berühmten Künstlern aus anderen Musiksparten) hat sich der Club im Oberaargau zu einer nicht zu unterschätzenden Grösse entwickelt. Wie es dazu kam, lest Ihr auf den folgenden Zeilen.
MF: Seit wann existiert das OldCapitol in dieser Form?
Sandro: Früher war dies ein Kino, der letzte Film wurde hier 2010 ausgestrahlt.
Stefan: 2012 haben wir den Laden übernommen, und 2017 konnten wir zum ersten Mal die Pforten öffnen. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis die Baubewilligung auf dem Tisch lag. Danach bauten wir während zwei Jahren um.
MF: Wer hatte die Idee zum OldCapitol?
Stefan: In Aarwangen gab es eine Gruppe, die einen Partyraum hatten. Die kannten den Käufer des OC. In dieser Freundes-Gruppe entstand die Idee, in Langenthal Gigs zu organisieren. Statt immer nach Bern, Zürich oder Solothurn zu fahren, holt man sich die Bands eben nach Langenthal.
MF: Hattet ihr Unterstützung der Stadt Langenthal oder des Kantons?
Stefan: Die Stadt hat uns weder unterstützt, noch Steine in den Weg gelegt. Seitens der Anwohner gab es sehr viele Einsprachen, aus Respekt, oder Angst vor dem Neuen, dem Lärm und was da auf sie zukommen könnte. Das war für uns die Herausforderung.
MF: Was war das Ziel?
Stefan: Wie gesagt, Konzerte vor der Haustüre zu geniessen und ein möglichst breites Konzertangebot zu bieten. Wir wollen uns nicht nur auf einen musikalischen Style fixieren, sondern ein Haus bieten, in welchem Kultur erlebt und gelebt werden kann.
MF: Macht ihr nur Konzerte oder finden bei euch auch Partys und Discos statt?
Stefan: Was wir zusätzlich anbieten, ist Kleinkunst im Comedy-Bereich. Zu Beginn haben wir Freitags und Samstags immer Partys veranstaltet, bis morgens um drei Uhr. Das sich das Ausgangsverhalten der Besucher verändert hat und die Leute nicht mehr an die klassischen Partys gehen, haben wir diesbezüglich stark reduziert. Aktuell veranstalten wir an die zehn Partys im Jahr. Sie wurden zu einem Nebeneffekt und haben ihren Fixpunkt verloren.
MF: Organisiert ihr bewusst die Gigs ab Freitagabend, weil da der Zuschauerzuspruch am grössten ist?
Stefan: Wir haben das Hauptaugenmerk auf Freitag und Samstag. Nicht nur wegen des Publikums, sondern weil bei uns alle Helfer ehrenamtlich arbeiten. Für sie ist es bedeutend einfacher uns ihre Hilfe anzubieten, wenn sie am Tag darauf ausschlafen können und nicht arbeiten müssen. Das Publikum ist eher bereit, sich Konzerte am Wochenende anzuschauen. Internationale Truppen die ihre Tourpläne haben, engagiert man an den Tagen, an denen sie bei uns spielen können.
"…Quasi ein beweisen, bis das Zugpferd bei uns auftritt…"
MF: Wie einfach war der Einstieg ins Musikgeschäft?
Stefan: Es war insofern schwierig, weil keiner von uns seine Erfahrungen mit dem Business hatte. Die meisten stammen aus handwerklichen Berufen und verfügten über keine Kontakte ins Business. Das war eine Herausforderung. Zusätzlich gibt es Veranstaltungsorte, die das Geschäft kennen und schon seit dreissig oder vierzig Jahren dabei sind. Die sind etabliert und kennen die Künstler. Wir starteten bei null und mussten uns einen Namen in der Musik-Szene erarbeiten.
So hatten wir sicherlich einen grösseren Aufwand, bis namhafte Truppen bei uns spielten. Dadurch gab es zu Beginn sicherlich auch einige Absagen von Bands, weil sie uns noch nicht auf dem Radar hatten. Wir mussten zum Start zwei bis drei unbekanntere Combos bei uns auftreten lassen, bis wir dann bei den Agenturen die bekannteren Slots angeboten bekamen. Quasi ein Beweisen, bis das Zugpferd bei uns auftritt (grinst).
MF: Was waren eure Highlights?
Sandro (lachend): Das sind die persönlichen Truppen, die ich selber cool finde wie Eclipse, die ich wahnsinnig geil gefunden habe oder Cardinal Black. Das hat mir die Schuhe ausgezogen (lacht).
Stefan: Klar, der eigene Geschmack definiert dies. Bei mir waren dies Heisskalt. Aber es gibt auch Abende, da gefällt mir die Musik nicht, die Stimmung ist jedoch sehr gut. Wenn das Publikum die Band abfeiert und es kocht. Dann ist es völlig egal, ob mir die Musik gefällt oder nicht.
MF: Was es bei euch besonders macht, ist, dass sich das Mischpult nicht auf Augenhöhe mit der Bühne befindet, sondern auf dem Balkon steht. Wie reagieren die Mischer auf diese Gegebenheit?
Stefan: Das ist unterschiedlich. Es gibt solche, die finden das richtig cool, weil sie nicht inmitten der Leute stehen und somit ihre Ruhe haben. Viele bekunden damit aber auch ihre Mühe und wollen sich nicht auf dieses Experiment einlassen. Das ist in meinen Augen eine Philosophie-Frage des Mischers (lacht).
MF: Wie habt ihr Corona als Veranstalter erlebt?
Stefan (lacht): Es war langweilig (lachend). Das grundsätzliche Problem war, die Motivation aufrecht zu erhalten. Wir wussten nie, wenn es wieder losgeht. Es war nicht klar, dass wir vier Monate schliessen müssen und es erst im September wieder krachen lassen konnten. Wir waren "on hold" und es konnte sein, dass wir in der folgenden Woche alles wieder hochfahren. Sicherlich waren zu Beginn die finanziellen Sorgen vorhanden. Da wurden wir vom Kanton Bern aber sehr gut unterstützt. Die psychische Belastung war hingegen enorm, das Ungewisse.
"…Blöd gesagt, wir hatten eine Selbsthilfegruppe…"
MF: Wie seid ihr damit umgegangen?
Stefan: Zuerst fällst du in ein Loch, weil dir deine Lebens-Grundlage unter den Füssen weggezogen wird. Es kam der Moment, da wechselte alles zum Galgenhumor über. Wir hatten eine Gruppe von Gastwirten und Technikern, die sich fünf Mal in der Woche mit uns zum Kaffeetrinken trafen. Blöd gesagt hatten wir eine Selbsthilfegruppe (lacht).
MF: Spürt ihr seit Corona auch, dass alles teurer geworden ist?
Stefan: Es sind nicht die Gagen die höher sind, sondern die Energie- und die Einkaufskosten für Getränke. Darum mussten wir die Ticketpreise zwangsläufig leicht erhöhen. Aktuell steigt der Preis fürs Heizöl. Wir befinden uns diesbezüglich auf einem schmalen Grat. In Schieflage sind wir seit Corona nicht gekommen. Bei den Ticketpreisen gibt es seitens des Publikums keine Reaktionen, eher wenn wir die Getränkepreise anheben müssen.
MF: Welche Bands möchtet ihr noch gerne ins OldCapitol holen?
Sandro (lacht): Da gibt es keine konkreten Vorstellungen. Was schön wäre, wenn es mehr Combos geben würde, die in kleineren Clubs spielen möchten. Truppen, die man im OldCapitol nicht erwarten würde.
Stefan: Es würde vieles geben, das man gerne bei uns auf der Bühne begrüssen würde. Seit Jahren versuche ich zum Beispiel Fjørt (Post/Melodic Hardcore Band aus Aachen) hierherzulocken. Es wird klappen oder eben nicht (grinst).
MF: Was unterscheidet das OldCapitol von anderen Clubs?
Sandro: Was mir auffällt ist, dass viele Künstler, die das OC nicht kennen, sagen: "Das ist richtig geil bei euch!" Dieser Charme macht es aus, wenn die Musiker schätzen, was sie hier vorfinden.
Stefan: Es ist das OC, das einen eigenen Groove ausstrahlt. Gehst du in ein Gebäude, das speziell für Konzerte gebaut worden ist, dann gelangst du in eine Industrie-Halle. Kommst du hingegen ins OldCapitol, spürst du diesen speziellen Charakter. Dieses Haus besitzt eine Seele, die spürbar ist.
Sandro: Ich spielte früher mit meinen Bands hier. Was es unglaublich macht auf dieser Bühne zu spielen, ist die Akustik. Es ist ein sehr trockener Sound, und man nimmt alles wahr auf der Bühne. Das bestätigen viele Künstler, die hier spielen. Sie sind vom Sound begeistert, was der Konstruktion des Gebäudes geschuldet ist.