Der Opener «Die Auslöschung» gibt die Strategie des Albums vor: erst verführen, dann detonieren. Gedämpfte Vocals schweben direkt hinter den Instrumenten, Bass und Gitarren wirken wie aufkommender Nebel, bis Blast-Beats den Track zum Leben erwecken und der Gesang zeremoniell aufheult. Von da an entfaltet sich das Album beinahe physisch: Im rituellen Puls von «Oath Ov Prometheus» kehren die schrillen Schrei-Passagen zurück, dominanter und gequälter als zuvor. Darauf entfalten «Ænæ Lithi» seine traurige Schwere und «A Lullaby For The Descent» seine zerbrechliche Ruhe – Schritt für Schritt werden die Zuhörer weitergeführt.
Eine wichtige Neuerung ist Dimitra Kalavrezous erweiterter Gesang zur Hohepriesterin des Kreischens. Während frühere Veröffentlichungen noch von Klarheit und Zurückhaltung geprägt waren, fügt «Héréditaire» eine härtere Klangfarbe hinzu. Diese wirkt nun wie der springende Punkt: der Klang von endlich vergrabenen Emotionen, die an die Oberfläche kommen. Mit Eli Mavrychev, der Growls und aggressivere Gitarren-Strukturen einbringt, gewinnt das Album deutlich an Dynamik - Intimität kollidiert mit etwas Wildem. «Oath Ov Prometheus» fängt diese neue Ära treffend ein.
Prometheus wird darin zu einer Metapher für das Erwachen durch Leiden und das im Text wiederholte "Great Gods with broken thrones" wirkt eher wie ein Mantra als wie Poesie. Die Texte sind insgesamt abstrakt, doch die Musik liefert die Bilder: Es finden sich Tremolo-Stürme in «Penumbrian Lament», erstickende Schwere in «Introjects» und der eher bodenständigen Black Metal Drive von «I, The Deceit». Die Produktion setzt auf transparente Durchhörbarkeit trotz dichter Arrangements, sodass selbst bei maximaler Intensität die räumliche Trennung der Instrumente erhalten bleibt.
Der Schlussabschnitt - «Death Is Forever» über «Maladie de l'Esprit» - löst sich auf und hinterlässt einen nachhallenden emotionalen Nachgeschmack. Ist es Eure Zeit (und Euer Geld) wert? Wenn Ihr klare Genre-Grenzen bevorzugt, dann eher nicht. Wenn Ihr jedoch ein Erlebnis von Anfang bis Ende sucht, das von Spannung über Entspannung bis hin zu stiller Unruhe führt, wird «Héréditaire» Eure Geduld belohnen. Es ist ein Album, in das man eintaucht und erst später merkt, dass es einen gefangen genommen hat.
Lukas R.
