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Metal Factory since 1999
"…Wir sollten mehr aufeinander achten, dass jeder wieder mehr erstrahlen kann…"
Das sitzt er nun im Zoom-Call. Gonzo Sandoval, der Drummer der legendären Armored Saint. Was vor mir liegt, ist ein Interview mit einem Musiker, der allen Grund hätte verärgert über die Vergangenheit zu sein. Aber! Er ist es nicht, sondern freut sich, dass er noch immer mit seinen Jungs, heisst John Bush (Gesang), Joey Vera (Bass), Jeff Duncan (Gitarre) und seinem Bruder Phil (Gitarre) Musik spielen kann (Ur-Gitarrist Dave Prichard verstarb am 28. Februar 1990 viel zu früh an Leukämie) und am 22. Mai 2026 mit «Emotion Factory Art» das neuste Album der Truppe veröffentlichen wird. Eine Scheibe, welche die musikalische Welt der Amis bestens abdeckt und mit Power, spannenden Songs sowie ganz viel Emotionen schon jetzt zu den besten Werken von 2026 gehört.
Gonzo entpuppt sich als geradliniger, leidenschaftlicher, ehrlicher und mitreissender Interview-Partner. Einer, der für seine Musik lebt, von ihr überzeugt ist und der ganzen Welt mitteilen möchte, wie stolz, glücklich und zufrieden er mit dem neusten Streich von Armored Saint ist. Eine Scheibe, die erneut den Ritter in seiner Rüstung auf dem Cover zeigt, der mächtiger denn je zu sein scheint. Aber lest selbst, was der 62-Jährige zu erzählen hat, der neben der Musik als professioneller Fotograph tätig ist und als "drums of thunder" betitelt wird. Wo er hinhaut, da bleibt kein Auge trocken. Nachzuhören unter anderem auf den Klassikern «March Of The Saint», «Delirious Nomad», «Raising Fear», «Symbol Of Salvation» und «Punching The Sky».
MF: Was wollt ihr uns mit dem Album-Titel «Emotion Factory Reset» mitteilen?
Gonzo: Es ist ein sehr interessanter Titel, und ich bin mir sicher, dass jeder hierzu sein eigenes Fazit zieht. Ich sage dir nun, was ich darunter verstehe. Er beinhaltet die positivsten Gedanken. Wir sind alles Menschen die auf dem gleichen Planeten leben, und jeder trägt seine eigenen Emotionen mit sich herum. Die Erde ist unsere "factory". Wir, die Menschen, die in dieser "Fabrik" leben. Ich denke, dass es langsam an der Zeit ist, alles zu "resetten". Nämlich Menschen und unsere Welt zurücksetzen. Mit einem grossen Schritt in Richtung von Freundlich- und Gütigkeit.
Wir sollten mehr aufeinander achten, dass jeder wieder kräftiger erstrahlen kann. Damit sich selbst helfen zu können, damit jeder in dieser Gütigkeit aufwachsen kann und dies die Menschen wieder zusammenbringt. Probiere das aus, um das Beste aus dir herauszuholen. Das ist sicherlich ein tiefer Einblick, aber so verstehe ich den Titel (grinst). Ich hoffe, dass sich die Leute mit dem Werk identifizieren können und das Album kaufen werden (lacht).
MF: Wie wichtig ist es für dich, den Fans eine tiefere Bedeutung zu vermitteln?
Gonzo: Was ich machen kann, ist meine Gedanken und meine Sichtweise zu vermitteln. Am Ende bleibt es den Fans überlassen, welche Sichtweise sie einnehmen. Niemand sollte jemandem seine Meinung aufdrücken oder sagen, wie er zu denken hat. Wenn sich jemand verloren fühlt, kann er vielleicht durch meine Gedanken wieder seinen eigenen Weg finden. Etwas Positives, das ihn glücklicher macht und er wiederum anderen Menschen helfen kann. So könnte die Welt zu einem besseren Platz werden.
MF: Welche Emotionen steigen in dir hoch, wenn du an das Musik-Business denkst?
Gonzo (lautes Lachen): Das Musik-Geschäft hat sich stark verändert. Dabei mussten wir uns mit den Veränderungen der Technologien beschäftigen, wie zum Beispiel AI. Sie haben alles infiltriert und bestimmen vieles mit. Nicht nur in der Musik, auch in der Medizin, in der Kreativität oder im normalen Leben. Ich bin professioneller Fotograph, und auch da haben diese Möglichkeiten vieles verändert. Ja, viele Dinge wurden dadurch bedeutend einfacher und verwalten die Aspekte der Möglichkeiten von all dem, was wir tun. Es wurde alles schneller und besser. Aber! Die menschliche Kreativität darf dabei nicht sterben. Die Technologien dürfen nicht bedeutender werden, sondern wir sollten sie verwenden, um Neue zu erschaffen, ohne dass die Kraft der Menschheit verloren geht.
Lass dich von keiner Maschine beherrschen, die du selbst kreiert hast! Denn sie will dich übernehmen. Sie schläft und isst nicht, sondern ist 24 Stunden am Tag da und wird grösser und grösser. Mit all den Informationen, mit denen wir sie füttern, werden sie von Tag zu Tag mächtiger. Das ist eine grosse Gefahr und steht im krassen Gegensatz zu den positiven Dingen. Es ist zugleich eine ungewöhnliche, aber auch fantastische Zeit. Wir sollten mit all diesen Möglichkeiten jedoch sehr vorsichtig umgehen und uns unsere Menschlichkeit bewahren. Die Liebe dafür, zum Beispiel an ein Konzert zu gehen, sich mit Leuten zu treffen, sich neue Musik anzuhören und dabei mit anderen Leuten Gefühle und Emotionen zu teilen (lacht). Wir sind wieder bei der "factory", die sich Welt nennt (grinst).
"…Wir sind aktuell beschäftigter, als wir es jemals waren…"
MF: Wurden Armored Saint in all den Jahren vom Musik-Geschäft unfair behandelt?
Gonzo: Ha! Wow Martin, gute Frage, aber ich denke, es wäre eine harte und unfaire Aussage, dass wir ungerecht behandelt worden sind. Ich denke nicht! Wir waren nicht damit gesegnet, die Nummer eins zu sein. Klar hatten wir harte Jahre zu überstehen und mussten Widrigkeiten aus dem Weg räumen. Dabei durchliefen wir auch tragische Zeiten (den Tod von Dave Prichard) und konnten zeitgleich glückliche und grossartige Momente geniessen. Die Vergangenheit ist Geschichte. Was wir haben, ist das Hier und Jetzt. Ich bin sehr bescheiden, voller Ehrfurcht und dankbar dafür, dass Armored Saint 2026 mit der neuen Platte «Emotion Factory Reset» noch immer da sind. Es ist ein Segen, dass wir weiterhin ein Album aufnehmen und auf Tour gehen können.
Haben wir Fehler entlang dieses Weges gemacht? Oh ja (grinst)! Haben wir die falschen Entscheidungen getroffen? Immer wieder. Hattes es viel mit uns zu tun? Sicher. Bei einigen anderen Dingen wiederum wurde für uns entschieden. Zu Beginn waren wir bei einem der besten Managements, Q-Prime. Chrysalis Records war unser Label. 1984 veröffentlichten wir «March Of The Saint», als wir gerade einmal 19-jährig waren und bereit loszulegen. Wegen unserem Outfit und der Art von Musik die wir komponierten, hätten wir viel früher nach Europa gehen sollen. Damit wir vor Leuten spielen können, die unseren Stil lieben. Frag mich nicht, warum wir es nicht früher taten. Es dauerte neun Jahre, nachdem wir unser Debüt «March Of The Saint» veröffentlichten, um endlich in Europa zu spielen. Einmal mehr, das ist die Vergangenheit.
Wir sind aktuell beschäftigter, als wir es jemals waren. Aus diesem Grund sind wir alle sehr dankbar. Aber die Wahrheit bleibt die Wahrheit. Das Management wie auch die Plattenfirma haben uns nicht früher nach Europa gebracht. Erst viel später in unserem Leben fanden wir heraus, dass sich die Leute in Europa fragten: "Wo zur Hölle sind Armored Saint?" Ich denke, es war der grösste Fehler in unserer Karriere, dass wir nicht früher bei euch gespielt haben. Aber wir können die Zeit nicht zurückdrehen (grinst). Mein Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt. Ich bin sehr glücklich mit dem, was wir erreicht haben. Wie gesagt, es läuft mehr denn je bei uns, und ich bin sehr dankbar dafür. Armored Saint werden in den Staaten, in Lateinamerika, in Australien und Europa spielen. Wir sind gesegnet und fähig, 2026 in der ganzen Welt zu rocken (grinst zufrieden).
MF: Wie lange habt ihr an den neuen Songs gearbeitet?
Gonzo: Armored Saint waren nie eine Truppe, die sich diesem "Album-Tour-Album-Tour" Modus unterwarf. Im Grunde genommen haben wir immer dann eine neue Scheibe geschrieben, wenn wir Zeit und das Material dazu hatten. Deshalb gab es auch immer diese längeren Zeiten zwischen den Alben, zweifellos. John und Joey stecken stetig die Köpfe zusammen, stellen uns ihre Ideen vor, und wir geben unseren dazu. Joey mischt jeweils die Demos, damit wir die neuen Tracks lernen können. So sind wir bestens vorbereitet fürs Studio. Das ist unser Prozess.
MF: Verspürt ihr heute noch Druck beim Schreiben von neuen Songs?
Gonzo: Es hat sich eingeschliffen, wie wir zusammen arbeiten. Ich denke nicht, dass wir Druck haben, weil wir nicht einem Rhythmus oder strickten Zeitplan unterliegen. Wir fokussieren uns auf das Gefühl, wie es beim Komponieren ist. Eine neue Platte von uns ist in ihrer Art einzigartig und benötigt ihre Zeit. Wir kontrollieren uns nicht, sondern wollen mit der Idee wachsen, ins Universum eindringen und mit ihm arbeiten. Wir versuchen uns mit der Jugend zu verbinden, da sie in der Zukunft die Retter und die Zuhörer der Musik sind. Lassen sie sich von uns inspirieren, werden sie vielleicht ein Instrument in die Hand nehmen, machen selbst Musik und verhindern, dass die Kreativität ausstirbt.
Macht mit euren Kumpels neue, junge Baby-Bands (grinst). Daraus entstehen vielleicht neue, grossartige Truppen für die Zukunft. Lassen sie sich nicht inspirieren, werden sie vor dem Computer sitzen und sich mit den neuen Technologien beschäftigen. AI wird dann die Musik emotionslos schreiben. Maschinen sollen Songs schreiben? Da ist nichts Menschliches mehr vorhanden, und wir werden dabei alle verlieren. Ich will das nicht, sondern junge Leute inspirieren, handgemachte Musik zu schreiben und zu spielen. Hoffentlich werden so noch viele junge Menschen für viele weitere Jahre die neue Generation an Metal-Bands kreieren.
"…Wie auch immer du dir das Material anhörst, also mit Kopfhörern, laut oder eher leise, es wirkt mächtig…"
MF: Der Ritter erstrahlt wieder allmächtig auf dem Cover, fühlt ihr euch auch so?
Gonzo (lachend): Absolut, der Sound ist fantastisch geworden. Wie auch immer du dir das Material anhörst, mit Kopfhörern, laut oder eher leise, es wirkt mächtig. Wir hatten eine grossartige Zeit und die Chance, Videos zu drehen. Aktuell machen wir Werbung für «Emotion Factory Reset» und werden bald die Möglichkeit haben, wieder auf der Bühne zu stehen. Dabei stehen Festivals auf dem Kalender, und wir können sogar das "Rock Hard Festival" headlinen. In der Nähe von Essen werden wir mit den Fans eine Release-Party feiern. Das ganze Album ist eine musikalische Reise, was eine sehr persönliche Aussage ist (grinst). Wir hatten die Werkzeuge, etwas Besonders zu schmieden und sind verdammt stolz auf das Resultat. Mit diesem Album wollen wir die Welt rocken (lacht). Ja, ich glaube daran, dass der Ritter wieder bereit ist, mit stolz geschwellter Brust die Welt zu rocken.
MF: Was ist das Spezielle daran, dass Armored Saint seit 1990 in der gleichen Besetzung spielen?
Gonzo (lachend): Nun ja, damals stieg Jeff in die Band ein. Phil ist mein Bruder, und ich kenne John und Joey, seit ich zehn Jahre alt bin. Wir sind zusammen aufgewachsen und haben vieles erlebt. Dies hat die Chemie und die Freundschaft zwischen uns gestärkt, wie eine Bruderschaft. Es ist der Klebstoff, wieso wir zusammen Musik machen. 45 Jahre später sind wir sehr dankbar, demütig und stolz darauf, 2026 noch immer die Möglichkeit zu haben, neue Musik zu erschaffen und sie für die Fans spielen zu dürfen. Das ist schlicht und ergreifend grossartig. Auch körperlich sind wir fit genug, noch immer auf der Bühne zu rocken.
MF: Darf man sagen, dass ihr wie eine Familie seid?
Gonzo: Definitiv darf man das sagen (grinst zufrieden), auch wenn sich diese Familie in andere auftrennt (grinst). Die Zeit vergeht, John heiratete und bekam Kinder, wie auch Joey und Phil. Ich selbst bin kinderlos geblieben. Das Leben fordert ab und zu seinen Tribut. In den Achtzigern waren wir jung, haben die Zeit miteinander verbracht und alles zusammen erlebt. Haben uns Musik angehört, gingen zu Konzerten und standen zusammen geübt. Wir waren immer zusammen, hatten eine Übungsraum für zehn Jahre und probten dort jeden Tag. Es hat der Band geholfen, sich zu stabilisieren. Wir sind eine Familie, und ich lade alle loyalen und neuen Fans ein, ein Teil davon zu sein. Jeder, der bis jetzt den Namen Armored Saint noch nicht gehört hat, ist herzlichst eingeladen, sich mit uns zu beschäftigen.
MF: Du hast es vorhin erwähnt, dass es (zu) lange brauchte, bis ihr in Europa gespielt habt.
Gonzo: Ja, leider.
MF: Welche Erinnerung hast du an die Tour mit den Scorpions?
Gonzo (lachend): Das war eine fantastische Zeit. Wir kamen von einer sehr harten Tour in den USA zurück. Die Scorpions waren schon damals eine Legende. Tesla sollten den Opener spielen, aber sie mussten sich wegen einer US-Tour verabschieden. Dies hat uns für fünf Shows die Türe geöffnet. Es war fantastisch, in diesen grossen Arenen zu spielen, und jedes Konzert war ausverkauft. Es war eine grosse Erfahrung für uns, dass wir vor dieser unglaublich mächtigen Kulisse spielen konnten. Alleine wie gross die Backstage-Räume und das Catering waren, war eine neue Erfahrung für uns (lacht). Wir konnten mit den Scorpions spielen, wie cool war das denn?! Wir hatten eine Menge Spass. Es ging aber zu schnell vorbei, und ich denke, wir hätten diese Konstellation der Scorpions mit uns weiterführen sollen (lautes Lachen).
MF: Ich danke dir für deine Zeit und das Interview.
Gonzo: Sehr gerne, Martin!
MF: Ich wünsche euch ganz viel Glück mit dem neuen Album, bleibt alle gesund und ich hoffe, euch bald wieder in der Schweiz zu sehen.
Gonzo: Die Schweiz ist fantastisch! Als ich das letzte Mal bei euch war, bestellte ich mir im Hotel ein Continental Breakfest. Es war zum ersten Mal, dass ich bei euch war. Ich wartete und wartete. Sie brachten mir einen Orangensaft und einen Muffin. Ich fragte wo der Rest bleibt und bekam als Antwort, das ist das Continental Breakfest. Nichts mit Eiern, Speck und dergleichen (lautes Lachen). Für sechzehn Dollars, na ja, das hatte ich mir anders vorgestellt (lacht). Die Crew kam von McDonalds zurück, die für Burger und alles Mögliche fünfzig Dollars bezahlten (lacht). Es war alles sehr teuer (lacht). Aber ich liebe euer Land und wünsche mir, dass wir bald wieder bei euch spielen können. Es war ein grosses Vergnügen mit dir sprechen zu können, und ich hoffe sehr, dass wir uns bald bei einer Armored Saint Show in der Schweiz treffen können.
MF: Das wäre super, passt auf euch auf, und vielleicht sehen wir uns schon bald.
Gonzo: Das hoffe ich doch sehr, pass auf dich auf, Martin.