
Swiss Hard Rock and Heavy Metal Magazine since 1999
You can reach us via email or phone.
+41 (0) 79 638-1021
Metal Factory since 1999
"…Das ehrt mich und ich fühle eine tief verbundene Herzlichkeit…"
Auch Rock-Helden werden älter, selbst wenn man es ihnen auf der Bühne kaum anhört. In diesem Fall dreht sich alles um Krokus Shouter Marc Storace, der am 7. Oktober 1951 in Malta geboren wurde. Am 10. Oktober 2026 wird, zu seinem 75. Geburtstag, eine fette Party im Z7 (Pratteln) gefeiert. Dort wird Marc mit seiner Solo-Band und vielen Gästen auftreten. Der Wahlheimat-Schweizer besitzt noch immer diese sensationelle Stimme, welche den Krokus und seinen eigenen Tracks Flair verleiht, und einen prägnanten Stempel mit grossem Wiedererkennungsgrad aufdrückt.
Was in 75 Jahren alles passieren kann, ist nicht auf ein paar Seiten wiederzugeben. Daraus aber ein paar Anekdoten herauszufischen und Euch diese im vorliegenden Interview zu präsentieren, dafür nahm sich Marc bei einem Orangensaft und einem Espresso Zeit. Befinden wir uns in der Frühphase oder den wilden Zeiten, dem Shouter zuzuhören macht einfach Freude. Einem Mann, der mit sich und der Welt im Reinen ist und immer wieder das Positive hervorhebt.
MF: 75 Jahre, wie fühlt sich dies an für dich?
Marc: Gott sei Dank ist alles gut (grinst zufrieden). Klar gibt es bessere und weniger gute Tage, wie bei jedem anderen auch. Aber solange ich Dinge tun kann, die mir Spass machen, ist alles perfekt. Ich hatte nach den beiden letzten Krokus Auftritten eine Zusammenarbeit mit Stress (Schweizer Rapper). Das gefällt mir, auch ausserhalb des Rock-Business etwas zu kreieren. Irgendwann sind wieder Auftritte mit meiner Solo-Band und Krokus angesagt. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe und mein Leben weiterhin geniessen kann (lacht).
MF: Was kann man von deiner Jubiläums-Show im Z7 erwarten?
Marc: Es sind ein paar Gastmusiker wie Mandy Meyer, Freddy Steady, Tony Castell und Thomas Graf dabei. Weitere werden folgen. Pyro-Effekte und ein LED-Screen werden das Bild auf der Bühne aufwerten. Ich kann mich zurücklehnen und ein paar liebe Freunde machen lassen, weil sie dies für meinen Geburtstag auf die Beine stellen wollen. Das ehrt mich (grinst zufrieden), und ich fühle eine tief verbundene Herzlichkeit. Den ganzen Aufwand mit Poster und AI unterstützten Werbeparts darf man nicht unterschätzen. Für bloss eine Show wird ein enorm grosser Aufwand betrieben. Ich freue mich sehr auf diesen Auftritt, ihn auch mit meiner Familie und meinen Freunden feiern zu können.
Viele feiern ihren 75. Geburtstag, und danach kommt nichts mehr. Sie hören auf, bevor sie 80ig werden. Ich schaue von Jahr zu Jahr was möglich ist und wann meine Zeit kommen wird, aufzuhören. Solange ich Energie habe, darf ich nicht aufhören. Was soll ich sonst machen (grinst)? Auch wenn ich Hobbys habe, wenn ich weiterhin singen kann, werde ich es auch tun. Ausser Gott will nicht mehr, dass ich auf die Bühne gehe, und nimmt mir dann vielleicht meine Stimme weg (lacht). Oder die hohen Töne bereiten mir Schmerzen beim Singen. Ich will allem seinen natürlichen Lauf lassen. Denke ich ans Aufhören, bekomme ich Angst (lacht). Was folgt dann? Ein Vakuum (lacht)? Oder nerve ich zu Hause dann die ganze Zeit meine Frau (lacht noch immer)?
MF: Wenn Marc zurückschaut, welchen Rat würde er dem jungen Marc Storace heute geben?
Marc (überlegt): Lerne deine Sache, bleib auf dem Boden und halte dich fern von Allüren. Du wirst immer wieder hinfallen, darum stehe wieder auf und gehe deinen Weg weiter. Niederschläge werden dich begleiten. Es ist ein gnadenloses Business, in dem es nicht nur Leute gibt, welche dir was Gutes wollen. Viele stecken dir lieber ein Messer in den Rücken, nachdem sie dir vor ein paar Sekunden noch ins Gesicht gelächelt haben. Lebe deine kreative Art aus und bleib dir selbst treu. Dem jungen Marc würde ich heute sagen: "Befass dich mit der digitalen Welt!" Es gibt aktuell ganz viele Mitarbeiter und Künstler, die von den Plattenfirmen rausgeworfen werden. Leute, die lange dabei sind. Kennst du dich mit KI aus, befasst du dich mit deinem Feind (lacht).
Ich vertraue Instagram nicht mehr. 50 % sind Fake-News. Ich befürchte an etwas zu glauben, dass ich lese und mich verängstigt. Aus diesem Grund wird mein Profil auf Instagram effizient von meiner lieben Tochter Giuliana bearbeitet. Ich benötige es, um für meine Shows Werbung zu machen, wie auch auf Facebook. Diese moderne Welt ist ein zweischneidiges Schwert. Als ich vierzehn Jahre jung war, habe ich mit der Musik gestartet, das war damals eine komplett andere Welt, noch ohne digitale Social-Media. Es ist gut, wenn du die digitale Seite in deinem Leben im Griff hast und nicht sie dich beherrscht. Ältere Leute haben mit dieser Welt mehr Probleme (lacht).
MF: Du hast vorhin erwähnt, dass man auf dem Boden bleiben soll. In den Achtzigern warst du mit Krokus riesengross in den Staaten. War es nie ein Problem, dass man abgehoben ist?
Marc: In deinem Umfeld hast du Leute die abheben, und du musst versuchen, dass du nicht auch in diesen Sog gerätst. Es konnte dekadent sein, wie gewisse Leute plötzlich den Boden unter den Füssen verloren haben. Das ist der Weg sich selbst zu ruinieren, sobald auch Drogen im Spiel sind. Heute gibt es weitaus gefährlichere, synthetische Drogen. Ich bin grundsätzlich bei meinem Wein und dem Grappa geblieben (grinst). Damals sind wir in den USA mit Limousinen herumgefahren. Es gab Bands und Musiker, die noch höher in den Charts waren. Die mehr Millionen an Platten verkauften und länger ganz oben waren. Bleibst du länger in diesen Sphären, dann musst du auf dem Boden bleiben.
Du musst dich von dieser "Darkness" fernhalten. Ozzy hat immer davon gesungen. Gier ist eine dieser dunklen Seiten, aber auch Kriege und Rassismus. Wir müssen wieder lernen, diesen Planeten miteinander zu teilen. Ein Religion, die zur Vernichtung anders Glaubenden predigt ist auch eines dieser dunklen Themen. Dabei sollten Religionen zwischenmenschliche Liebe und Frieden weitergeben. John Lennon hat dies auf den Punkt gebracht. Mit seinem Lied «Imagine». Meine "Vorstellung" ist "live and let live" (so auch der Titel seines Solo-Albums von 2021). Das ist ein sehr positiver Song der beschreibt, dass sich Dinge ändern und alles wieder gut wird. Auch wenn es nicht immer so ist. Aber wenn deine Einstellung so ist, dann wird es gut. Denkst du alles ist scheisse, dann wird es auch so bleiben. Schaut man sich gleichzeitig die schönen Dinge des Lebens an, wie die Natur, dann müssen wir zu ihr sorgsam sein und sie nicht zerstören.
"…Wir lebten wie in einer Kommune zusammen…"
MF: Du bist ein nachdenklicher, offener, aber auch sehr positiver Mensch? War das schon immer so?
Marc: Ich war immer positiv, muss aber auch sagen, dass ich immer Glück in meinem Leben hatte. Dank dieser positiven Denkart. Ich ging Risiken ein. Damals als junger Typ, verliess ich mein Zuhause in Malta und zog nach England. Nur mit meinem Pfadfinder-Rucksack (lacht), mit Fotos, Kleidern und einem Mikrofon. Mein Papa zahlte meinen Flug nach England. Dort versuchte ich Fuss zu fassen, was ein äusserst schwieriges Unterfangen war. Die Erfolge liessen zuerst auf sich warten und ich bin in ein Loch gefallen, blieb ich immer positiv. Es war ein grosser Kulturschock von Malta nach London zu gehen. Ich verliess mein Elternhaus, dort wo meine Mama alles für mich erledigte und geputzt, Wäsche gewaschen und gekocht hat.
Ich begann mit 14 Jahren in einer Band zu singen und verdiente mein erstes Geld damit. Der Virus der Musik und daraus einen Job zu machen, hat mich infiziert. Mit dem Singen seine eigenen Kleider kaufen zu können, war grossartig. Endlich konnte ich meine geliebten Chelsea-Boots erwerben, die mir mein Vater verboten hatte (lacht). In England bin ich gegen eine Wand gelaufen. Dort lernte ich aber eine Schweizerin kennen und auf dem Weg zurück nach Malta, hielt ich in Basel an. Durch ihre Connections kam ich in Kontakt mit einer Band aus St. Gallen, die Deaf hiess. Vom Hard Rock, Deep Purple und Led Zeppelin kam ich zum Progressive Rock. Yes mit «Fragile», mein Gott, was war das für eine Nummer und eine musikalische Meisterleistung. Danach kamen Genesis mit Peter Gabriel. Ich lernte Tea kennen. Sie suchten einen Sänger. Mit ihnen begann mein professionelles Musikerleben.
Wir lebten wie in einer Kommune zusammen. Wie die alten Hippies (lacht) und waren eine Do-It-Yourself Truppe. Wir haben unsere PA selbst geschreinert und auch die Lichtshow gebaut. Dazu mussten wir uns einen Sattelschlepper für das Equipment kaufen. Die Schulden stiegen und stiegen (lacht). Mit damals zehn Auftritten pro Jahr sahen wir kein Land in Sicht. Trotzdem waren wir Pioniere und spielten mit unserer Progressive Music in Hamburg, Schottland oder Wales und in Deutschland als Vorgruppe von Queen. Niemand zuvor hatte als Schweizer Band diese Länder bereist. Das war unser ganzer Stolz (grinst). Ich ging dann zurück nach England, und bald darauf rief mich Chris von Rohr an, der mir das Demo von «Metal Rendez-Vous» schickte. Damit fing ein neues Leben für mich an, das bis heute nicht aufgehört hat. Dass Krokus heute noch existieren und wir so viele andere Combos überlebt haben, ist unglaublich.
MF: Wie war es für dich, als du für eine gewisse Zeit nicht der Sänger bei Krokus warst?
Marc: Nach acht Jahren "on the road" kam ein Burnout, ich verlor das Interesse an der Musik, und Krokus wollten 1988 ein neues Kapitel starten, als der Grunge uns damals den Tritt in den Arsch verpasste. Nach dem farbigen Glam-Look mit «The Blitz» und «Change Of Address» wechselten wir zurück zum Street-Look, der uns berühmt machte. Aber mit «Heart Attack» waren wir schon zu spät. Noch heute ist es ein gutes Album. Zusammen mit Chris, der zurückkam und Dani Crivelli am Schlagzeug. Grunge übernahm die Herrschaft und niemand wollte noch in Hard Rock Bands investieren. Ich verliess die Band, dies nicht im Guten. Wegen unserem damaligen Manager, der unseren Streit verwendete, um uns auseinander zu treiben. Bloss damit er regieren konnte.
Ich ging zurück nach Malta und verkaufte mein Penthouse an der Themse (grinst). Ich benötigte Wärme, nicht die Kälte einer Grossstadt und wollte meiner Mutter nahe sein. Mein Papa verliess uns schon zu Zeiten von «Change Of Address». Er machte ebenso seinen Adressen-Wechsel in den Himmel. Nach einer Zeit kam Vic Vergeat (Toad) auf mich zu. Er hatte bei einem Meeting mit Jürg Marquard (Verleger aus der Schweiz) über ein neues Projekt gesprochen. Ich wusste, dass ich noch nicht bereit war, meinen Arsch wie ein Pensionär in der Sonne von Malta bräunen zu lassen. Meine Hummeln in ihm wollten nochmals angreifen (lacht). So flog ich nach Basel. Vic und ich schrieben zusammen das Album «Blue» («You Can’t Stop The Rainfall») und als wir eines Nachts bei Eddie Cassini im legendären «Atlantis» jammten, habe ich meine liebe Frau Cornelia kennengelernt.
MF: Gibt es Dinge, die du heute anders machen würdest?
Marc: Nein, ich denke nicht, sonst würden wir jetzt heute nicht hier zusammen sprechen. Es kann gut sein, dass meine Seele dann nicht so erfreut wäre, wie heute. Schlägst du einen anderen Weg ein, weisst du nie, wohin er dich führen wird. Stell dir vor, ich wäre unglücklich gewesen mit Krokus und bei den Auditions bei AC/DC als neuer Sänger gewesen. Vielleicht hätte ich den Job erhalten, was aber sehr wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre, da ich zu sehr nach Bon Scott klinge.
Hätte ich mit diesem Druck und dem Stress umgehen können? Bei Krokus waren wir im Aufbau. Bei AC/DC musstest du als neuer Sänger Bon ersetzen und mit diesem grossen Erfolg weitermachen. Das Schöne ist doch, dass Krokus 2026 sechs Festivals spielen, die Rosinen pflücken und dann in die Ferien fliegen können (lacht). Spielst du aber eine Tour mit AC/DC, ist die lange und anstrengend. Da geniesse ich lieber mein Leben mit meiner Frau und unseren Kindern Luca und Giuliana und kann dabei alt werden (lacht).
"…Ich sage dir, was du darfst und nicht Def Leppard…"
MF: Welche Erinnerung hast du an Def Leppard, als ihr damals von deren Tour geflogen seid, weil du die Laufstege von Joe Elliot benutzt hast?
Marc: Mein Manager meinte: "Ich sage dir, was du darfst und nicht Def Leppard". Dieses Verbot kam von heute auf Morgen. Ich bewegte mich eine Woche lang auf diesen Laufstegen und plötzlich gab es eine weisse Linie, die ich nicht übertreten durfte. Mein Mitsing-Spielchen mit den Fans habe ich immer von diesen Stegen aus gemacht und bin dabei links, rechts und in der Mitte gestanden. Ich befolgte die Anweisungen meines Managers. Es dauerte nicht lange und es wurde uns mitgeteilt, dass wir in einer Woche von der Tour fliegen.
Die Jungs von Def Leppard waren jünger und hatten nicht die gleiche Erfahrung. Joe Elliot begann mich zu kopieren. Krokus waren zu der Zeit "road warriors" und richtige Biester auf der Bühne. Wir erlebten "blood, sweat and tears" hautnah zusammen, waren eine Truppe für die Bühne und wollten mit dem Bus endlos reisen. Mit dem «The Blitz» Album hatten wir noch mehr Erfolg und konnten auf jenem von «Headhunter» aufbauen. Wir bekamen zwei nigelnagelneue Busse. Die rochen nach frischen Leder (grinst).
MF: «The Blitz» und auch «Change Of Address» haben bei euch nicht nur das Outfit, sondern auch der musikalische Stil geändert. Die Songs sind top, aber die Produktionen waren softer. Wie hast du damalige Zeit erlebt?
Marc: Bei «The Blitz» war das Credo: "Now, we go for the girls. They buy more albums". Die Frisuren mussten gestylt und meine Zahnlücke bereinigt werden. Die Plattenfirma hat alles bezahlt (grinst). Die Musik war nicht mehr so hart produziert, auch wenn wir noch immer «Long Stick Goes Boom» auf der Bühne spielten. Ein Lied wie «Our Love» (Song vom «The Blitz» Werk) ist mit diesen Chören eine anspruchsvolle Nummer. Dies kam aus den Einflüssen von Fernando (von Arb) und mir. Wir fokussierten uns auf die Live-Shows, spielten aber alles einen Zacken zu schnell. Da wir ein Album für die Mädels schreiben mussten, arbeiteten wir mit Bruce Fairbain (Produzent) zusammen. Er war schon für Loverboy zuständig, die damals radiotaugliche Rock-Songs veröffentlichten. Wir flogen nach Vancouver in die "Little Mountains Studios".
Tommy Keiser (Bass) brachte bei «Change Of Address» seine Idee zu «Hot Shot City» mit. Wir versuchten alles, aber das Problem war, dass uns Produzent Tom Werman die "Balls" wegnahm. Irgendwo liegen noch die Demos dieses Albums herum, wahrscheinlich in Solothurn (lacht). Würde ich eine Aufnahme der Original-Tapes bekommen… Diese Demos hatten mehr Eier als das Endprodukt. Schade! Die Songs waren wirklich gut. Grossartige Melodien und Doppel-Chöre. Die haben wir uns bei Def Leppard abgeschaut (grinst).
Einige Songs von «The Blitz» und «Change Of Address» für eine «Best Of» nochmals neu aufzunehmen, wäre fantastisch. Das würde komplett anders klingen. Wie die Ballade «Our Love», die nicht mehr so süss daherkäme. Sich auf das Wichtige fokussieren, dann würden die Tracks richtig knallen. Bei «Heart Attack» versuchten wir zur rockigen Version von Krokus zurückzukehren. «Axx Attack» ist einer dieser harten Momente, bei dem wir zeigten, dass wir noch immer genügend Biss haben. Aber der damalige Trend hat uns leider einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Dafür sind wir heute wieder zu unserer alten Stärke zurückgekehrt und beweisen es an jedem Live-Konzert.
MF: Danke für die Einblicke in die Vergangenheit, es war wie immer sehr spannend dir zuzuhören. Alles Gute für deine Zukunft, bleib gesund, und ich freue mich auf die "75 Jahre Show" im Z7.
Marc: Ich danke dir für deine Zeit lieber Martin, es hat wie immer Spass gemacht. Pass auf dich auf.