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16. Mai 2026, Aarburg - Musigburg
By Rockslave (rsl) und Tinu (tin) - All Pics by Rockslave
Wer zu spät (oder gar nicht) kommt, den bestraft bekanntlich das Leben! Diese Volksweisheit musste meine Wenigkeit noch während des Konzertes des Headliners Riot V als schmerzliches Fazit ziehen, weil ich Ende April vor einem Jahr, warum auch immer, mit Abwesenheit glänzte. Zur Strafe kam dann noch dazu, dass Frontmann Todd Michael Hall, der dreizehn Jahre dabei war, nicht mehr aufmarschierte. Warum das so ist, könnt Ihr untenstehend in der Rezi von Tinu nachlesen.
Der heutige Besuch des letzten Konzertes der diesjährigen Euro-Tour war deshalb ein absoluter Pflicht-Termin! Als Support fungierten die Bajuwaren Crystallion, von denen ich zuvor noch nie was gehört oder darüber gelesen hatte. Und dies, obwohl die 2003 gegründeten Power Metaller zwischen 2006 und 2021 fünf Alben mit textlichem Kontext zu mittelalterlicher Kriegsführung und den Kreuzzügen releast haben. Wo spielten die aber live? Wohl eher auf kleineren Festivals. (rsl)
Crystallion
Was soll man auf dem Papier von einer deutschen Power Metal Band halten, die schon über zwei Dekaden unterwegs ist und nie auf dem heimischen Bang Your Head!!! Festival, dem einst grössten und wichtigsten Szene-Event, auf der Bühne stand? Rock Hard Festival? Ebenso Fehlanzeige! Die Recherche bringt hervor, dass kleinere Brötchen bei Anlässen wie dem "Titans of Power Festival" (Kaldenkirchen) früher oder später beim "Free & Easy Festival (München)" gebacken wurden.
Im vergangenen April spielten Crystallion, zusammen mit Power Surge und Headliner Grave Digger, in Zagreb und Belgrad (mit The Fifth Rider) auf. Man ist also auf Achse und bemüht, die Leute mit altem Material bei der Stange zu halten. Das letzte Studio-Album «Heads Or Tales» ist von 2021, und damals gar noch mit Frontfrau Kristina Berchtold bestückt! Und da liegt der Hase im Pfeffer, da der aktuelle Frontmann Tony Sunclear bereits als vierte Besetzung am Gesang amtet.
Das wusste ich zum Zeitpunkt des Auftritts natürlich alles noch nicht, aber es hätte kaum was am gebotenen Gesamtbild geändert. In diesem Genre muss man sich mit Grössen wie Blind Guardian, Stratovarius, HammerFall oder Powerwolf messen lassen, und das ist beileibe kein Schleck. Trotz professionellem Anstrich, sichtlichem Spass und technischem Können blieben Crystallion in meiner Wahrnehmung musikalisch zu blass wie zu eintönig und hinterliessen keinen bleibenden Eindruck.
Dass mit Gitarrist Sven Sevens und Bassist Steven Hall ausserdem gleich zwei Members im Line-up standen, die aktuell sonst noch für die österreichischen Symphonic Metaller Edenbrigde in die Saiten greifen und dort in Lohn wie Brot von Mastermind Lanvall stehen, fiel mir vor Ort ebenso wenig auf. Immerhin zeigte sich Shouter Tony als sympathischer Bayer und fand den Draht zum Publikum, das zumindest in den ersten paar Reihen aktiv war und mitmachte. Meins wars nicht. (rsl)
Setliste: «Wings Of Thunder» - «Tears In The Rain» - «The Sleeping Emperor» - «Guardians Of The Sunrise» - «Under Heavy Fire» - «Burning Bridges» - «A Cry In The Night»
Riot V
Kurz vor dem Start der Europa-Gigs liess Sänger Todd Michael Hall verlauten, dass er aus privaten, familiären Gründen die Band verlassen würde. Wow! Klar, Riot sind bekannt dafür, dass sie immer wieder einen begnadeten Shouter aus dem Hut zauberten (Guy Speranza, Rhett Forrester, Tony Moore, Mike DiMeo), aber so auf knapp den Richtigen zu finden… – Riot V wären aber nicht Riot V, hätten sie nicht auch dieses Mal ein glückliches Händchen gehabt.
Als Interims-Lösung sprang der Italiener Valentino Francavilla (Gitarrist bei White Skull) in die Bresche und machte seine Sache verdammt gut. Die hohen Screams sang der Lockenkopf mit einer Lockerheit, als hätte er nie etwas anderes getan. Logisch merkte man ihm an, dass er sich als Frontmann zuerst noch finden musste, aber was der Junge bot, war ganz grosses Kino. Nach seiner Aussage hörte sich Valentino Riot als kleiner Bursche an, was die Truppe zu seinen Favoriten machte: "Are you enjoing the show? Now I am here with my heroes!". Donnie (Bass) konterte darauf: "Willst du sagen, dass wir so alt sind?"
Sind Riot V auch, denn immerhin feierten die Warriors bereits ihren 50. Geburtstag! Fünf Jahrzehnte, in denen sie durch Höhen und Tiefen gingen. Dazu gehört sicherlich der Tod von Band-Gründer Mark Reale, dem im Verlauf der gut neunzig Minuten Spielzeit immer wieder gedankt wurde. Was Mark auf vierzehn Studio-Alben zauberte (bevor dann Riot V mit drei weiteren glänzten) ist ein Vermächtnis, an dem der geneigte Metalhead nicht vorbeikommt. Speziell «Thundersteel» ist für viele das Album schlechthin der Amis, aus dem an diesem Abend gleich deren sieben Tracks (!) gespielt wurden.
Verständlicherweise auch, weil die Stimme von Valentino derjenigen von Tony Moore sehr nahe kommt und auch Todd eher in seinem Stimm-Volumen angesiedelt ist, als die eher bluesigere und rockigere Stimme von Mike DiMeo (Ex-Masterplan, The Lizards). Dass allerdings die Zeit mit Mike völlig in Vergessenheit geriet, fand ich äusserst schade. Trotzdem bot das Set einen Hit nach dem anderen (wobei, und das schmerzte mich besonders, «Restless Breed» zwar auf der Setliste stand, aber nicht gespielt wurde). Mit dem Instrumental «Narita» stiegen die Jungs ein und sofort stellte Neutrommler Jesse Tudda sein Können unter Beweis.
Sein Double-Bass-Drum-Spiel war erhaben und mächtig. Auf diesem Brett konnten sich die restlichen Musiker nach Belieben austoben. Insbesondere Leadgitarrist Mike Flyntz glänzte bei seinen Solos, die er wuchtig, aber auch immer mit sehr viel Gefühl in die Musigburg pfefferte. Dabei war Gänsehaut pur bei der Einleitung zu «Bloodstreets» angesagt oder messerscharfe Riffs bei «Victory». Zusammen mit Jonathan Reinheimer waren grandiose Double-Leads zu hören, die durch das wuchtige Bassspiel von Donnie Van Stavern unterstützt wurden. Dieser nahm immer wieder einen Schluck aus seiner Tequila Flasche, die er ab und zu auch ins Publikum reichte. Wie immer stand er mit seinem Matrosenhut auf der Bühne.
"Who likes Tequila? Let me hear for Mark Reale" kündigte der Bassist nach einem kräftigen Schluck aus der Flasche einen der grössten Hits von Riot an. «Swords And Tequila» präsentierte die rockigere Seite von Riot V und mündete in den wohl am meisten erwarteten Track «Thundersteel». Das Publikum war in Feierlaune, sang mit und liess sich auf die musikalische Reise der Amis ein. Es ist aber eine Schande, eine Band wie Riot V mit einem solchen Arsenal an grandiosen und grossartigen Hits vor dermassen wenig Publikum zu sehen.
Was die Jungs in den letzten, genau genommen 51 Jahren veröffentlichten, davon träumen ganz viele Truppen und wären dankbar, sie hätten nur ein «Fight Or Fall», «Feel The Fire» (eine Götter-Hymne!), «Love Beyond The Grave» oder «Warrior» geschrieben. Wie facettenreich die Jungs unterwegs sind, belegte dieser Abend. Was für begnadete Musiker sie in den Reihen haben, die Art, wie sie ihre Songs spielten und zelebrierten. "Thank you for 50 years. Remember Mark Reale. Cheers! Prost!" bedankte sich Donnie beim Publikum wohlwissend, dass diese Band ohne ihren Bandgründer und Ideengeber nicht dieses Monument an grandiosen Songs hätten.
Riot V kamen, sahen und siegten. Wie schon knapp ein Jahr zuvor an gleicher Stätte. Es war eine grossartige (wiederhole ich mich?) Show, mit musikalischen Glanzlichtern, die in einer intimen Atmosphäre gefeiert wurde. Hoffen wir, dass sich die Amis bald wieder in der Schweiz blicken lassen! Denn 51 Jahre des Band-Bestehens haben noch Luft nach oben und lassen, die beiden im Sternzeichen Wassermann geborenen Antreiber (Mike und Donnie), mit knapp über 60 Jahren, noch hoffentlich ein paar solcher Highlights folgen. (tin)
Setliste: «Narita» - «Hail To The Warriors» - «Fight Or Fall» - «Road Racin'» - «Victory» - «Johnny's Back» - «Feel The Fire» - «Flight Of The Warrior» - «Bloodstreets» - «Take Me Back» - «Love Beyond The Grave» - «Warrior» - «Swords And Tequila» - «Thundersteel» -- «Sign Of The Crimson Storm» - «On Your Knees»