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11. April 2026 – Boswil - Chillout
By Lukas R.
Ein Abend, der ganz von der Musik getragen wurde – Es gibt Konzerte, bei denen das Erlebnis von Licht, Visuals und allem, was rund um die Musik geschieht, im Vordergrund steht. Und dann gibt es Abende wie diesen, an denen all das überflüssig ist. Das Konzert von Flector im Chillout in Boswil basierte auf etwas weitaus Anspruchsvollerem: Songs, musikalisches Können und die stille Zuversicht, beides für sich selbst sprechen zu lassen. Von den ersten Augenblicken an wurde klar, dass es hier nicht um schnelle Wirkung gehen würde, sondern darum, das Publikum Schritt für Schritt für mehr als 3 Stunden in eine andere Welt zu entführen.
Der Opener «Sky Echo» tat genau das: Er baute langsam eine Atmosphäre durch weitläufige Keyboardklänge auf, bevor Gitarre und Schlagzeug mit Nachdruck einsetzten - fast so, als würde die Band den Abend in Echtzeit gestalten. Ohne Pause ging «It’s Reigning» in einen direkteren Rocker über: straff und geerdet. Dies setzte sich in «Pilot» fort, das mit einer treibenden, aber kontrollierten Energie überzeugte. Schon hier zeigte Flector, was die Band ausmacht: die Fähigkeit, zwischen Grösse und Unmittelbarkeit zu wechseln, ohne an Kohärenz zu verlieren. «Can’t Be Bought» fügte eine groovige Ebene hinzu, während «Think So Small» melodisch für mehr Weite sorgte und einen der ersten Momente schuf, in denen das Publikum voll und ganz in den Bann gezogen wurde - nicht durch Showtalent, sondern durch den Song selbst.
«Mr. Arrogant» brachte dann eine andere Art von Präsenz mit: prahlerisch, selbstbewusst, getragen von rollenden Keyboard-Linien von dem Professor an den Keys – Adi (so wichtig für das Gesamte Auftreten der Band), und einer prägnanten Gesangsleistung von Carlos, der die höheren Passagen sauber und ohne Anstrengung erreichte. Diese Kontrolle blieb den ganzen Abend über konstant. Mit «Follow the Rules» erweiterte die Band ihre Struktur: Der Song begann als härterer Rocker, bevor er in einen eher erzählerischen, fast gesprochenen Abschnitt überging.
Dann baute er sich mit Wucht wieder auf, wobei das Schlagzeug von Matt präzise und autoritär zuschlug. «Time Has Come» hielt die Dynamik aufrecht, während sich «Mighty Man» einem klassischeren, riffgetriebenen Ansatz zuwandte und erneut zeigte, wie mühelos die Band zwischen verschiedenen Schattierungen des Rock wechselt, ohne jemals fragmentiert zu klingen. Man muss auch den ruhigen Mann im Hintergrund erwähnen: ‘Basso’. Stoisch und ohne sich aufzudrängen zupft er seine Basslinien, stets präsent und doch unaufdringlich. Gerade dadurch bildet er das stabile Fundament – das eigentliche Skelett der Musik.
Der erste Set erreichte mit «Spaceflight» seinen spacigen Höhepunkt. Das weitläufige, atmosphärische Stück entfaltete sich vollständig: rollende Drums, schwebende Tasten und eine Gitarrenlinie, die über allem zu schweben schien. Hier kommt auch der Tam-Tam (Gong) zum Einsatz. Es geht nicht um Geschwindigkeit oder ‘Gitarrengefrickel’, sondern um Raum, Gewicht und Schwebe. Das Stück ermöglichte es Carlos, eine seiner stärksten Gesangsdarbietungen des Abends zu liefern. Der erste Set endete eher vollständig als abrupt.
Nach einer kurzen Pause kehrte die Band mit einer klaren Ansage zurück: Der zweite Set würde das neue Material in voller Länge präsentieren und es würde, wie Carlos betonte, keine Cover geben. «Never Ending Time» rechtfertigte diese Entscheidung sofort und entfaltete sich als selbstbewusster, melodischer Opener, der den Ton für das Folgende angab. «Behave» wurde schliesslich zumindest für mich zum emotionalen Mittelpunkt des gesamten Abends. Hier kam alles zusammen: intensive Gesangslinien, zarte, beinah schwebende Keyboardpassagen und eine Rückkehr zu einem kraftvollen Höhepunkt, der mit echter Wucht landete - besonders im wiederholten Refrain «Open Your Eyes». Es war einer jener magischen Momente, in denen der Song den Raum selbst einnimmt.
Was folgte, fühlte sich nicht wie ein Nachlassen der Intensität an, sondern wie eine Fortsetzung des Songwritings auf dem gleichen Niveau. «The Hope» entfaltete sich als weiteres weitläufiges Stück mit Gitarrenlinien, deren emotionale Phrasierung an Steve Rothery erinnerte, da sie das Gefühl vor die Zurschaustellung stellten und dennoch ganz und gar in Flectors eigener Stimme blieben. «Still War» brachte eine schwerere, geerdetere Energie mit sich. «Disaster» führte eine subtilere Spannung ein, bei der sich Keyboard und Gitarre umkreisten. «Shining» fungierte als kürzeres, fast schon überleitendes Stück, das den Fluss aufrechterhielt, ohne ihn zu unterbrechen.
Einer der auffälligsten Kontraste ergab sich bei «Children of Tomorrow». Dieses langsamere, melancholische Stück baute auf orgelförmigen Keyboard-Texturen und einer schwungvollen Gitarrenlinie auf. Hier liess die Band Raum und Emotion vollständig die Oberhand gewinnen und schuf einen Moment, der eher nachdenklich als performativ wirkte - fast wie eine Erinnerung an eine andere Art, Musik zu hören. Diese Atmosphäre hielt jedoch nicht allzu lange an, denn «Rock Festival» brachte mit einem direkten, riffgetriebenen Ansatz die Energie zurück und verankerte das Set erneut, bevor «Land of the Free» es mit einer starken melodischen Aussage und einem ausladenden, abschliessenden Gitarrensolo (Axl Rudi lässt grüssen) beendete.
Doch selbst dann war die Band noch nicht fertig, das Publikum verlangte nach mehr. Das Encore «Expect No Mercy» verlängerte den Abend mit einer weiteren 8 Minütigen ausgereiften Komposition - lang, strukturiert und kraftvoll -, welche die von Anfang an offensichtliche Tatsache bekräftigte: Diese Band macht keine Kompromisse. Jeder Song hat seinen Platz, seinen Bogen, seine Identität.
Was das gesamte Konzert auszeichnete, war nicht ein einzelnes Highlight, sondern die durchgängige Konsistenz. Die Band ist aussergewöhnlich eingespielt, jeder Übergang sitzt und jeder Dynamikwechsel wirkt bewusst gewählt.
Hey Leute, macht Euch was Gutes und geht an eines der weiteren Konzerte von Flector und lädt am besten alle eure Rock-Freunde mit ein. Ihr werde alle begeistert sein, es gibt Konzerte am 30.05.2026 in Balterswil, 14.08.2026 in St. Gallen, 21.11.2026 in Horw und am 05.06.2027 nochmals in Balterswil. Unsere coolen Schweizer Bands brauchen uns. Mehr Info auf ihrer Website!
Setliste: «Sky Echo» - «It's Reigning» - «Pilot» - «Can't Be Bought» - «Think So Small» - «Mr. Arrogant» - «Follow The Rules» - «Time Has Come» - «Mighty Man» - «Spaceflight» - «Never Ending Time» - «Plattentaufe» - «Behave» - «The Hope» - «Still War» - «Disaster» - «Shining» - «Children Of Tomorrow» - «Rock Festival» - «Land Of The Free» - «Expect No Mercy»