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Funeral Doom trifft auf Dark Folk, vereint durch Geduld und Zielstrebigkeit. Auf dem Papier sind BELL WITCH & AERIAL RUIN ungewöhnliche Partner, doch im Geiste sind sie unvermeidlich.
Das Doom-Duo Bell Witch aus Seattle, USA, baut Musik wie tektonische Platten: kolossal, langsam und seismisch. Ihre Musik dreht sich um basslastiges Storytelling, spärliche Tempi und eine Vorliebe für klangliche Schwere statt Unmittelbarkeit. Aerial Ruin, das Dark Folk Projekt von Erik Moggridge aus Portland (USA), befindet sich am anderen Ende des Spektrums: leise Klagelieder, erdige Akustik und vokalgetriebene Intimität. Sie arbeiten zusammen, weil sich ihre emotionalen Sprachen überschneiden. Beide behandeln Melancholie als Handwerk und dehnen Songs eher zu Ritualen als zu Paketen aus.
Auf «Volume II» vereint sich das Duo unter dem gemeinsamen Namen Stygian Bough und setzt damit eine Partnerschaft fort, die 2020 begann. Auch dieser zweite Teil bleibt minimalistisch: vier Tracks, jeder länger als zehn Minuten, keiner davon gehetzt. Das Tempo verkörpert eine in der Schweiz gut bekannte Philosophie: Zeit ist nicht der Feind, sondern der Gastgeber. In einem Land mit Glocken am Seeufer, Bergschatten und Zügen, die wie Uhrwerke laufen, fühlt sich dieses Album seltsamerweise wie zu Hause: langsam wie die Winterwolken über dem Pilatus, bedächtig wie das stündliche Glockenspiel der Luzerner Kirchen, schwer wie Granit, aber beruhigend wie tiefes Wasser.
Der Sound ist ein Gespräch der Grössenordnungen. Moggridges Gesang schwebt wie Nebel über Schreibmans und Desmonds gewaltigen Low-End-Architekturen. Die Gitarren "entwickeln" sich weniger, als dass sie sich entfalten und sich allmählich zu spektralen Harmonien ausweiten, die sich gleichzeitig prähistorisch und persönlich anfühlen. Die Trommeln atmen, die Becken schimmern und die Verzerrung schlägt nie zu, sondern drückt geduldig. Die Schönheit liegt in der Ausdauer, nicht in der Überraschung. Die Zuhörer beschreiben die Riffs als lebensverändernd – nicht, weil sie einen verwandeln, sondern weil sie lange genug vorhanden sind, damit man sich um sie herum verwandeln kann.
Das Hörerlebnis ist immersiv und physisch. Bei hoher Lautstärke fühlt es sich weniger wie Klang an, sondern eher wie eine Umgebung. Es lädt zur Selbstbeobachtung ein, ohne zu flüstern, und zur Ergriffenheit, ohne zu schreien. Es ist ideal für Fans von Doom, die emotionale Tiefe suchen, und für Folk-Fans, die keine Angst vor Schwere haben. Es ist hörenswert, wenn Ihr Musik sucht, die nicht die Zeit markiert, sondern sie aussetzt.
Lukas R.![]()