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Spass beiseite – immer noch Chaos, aber diesmal mit Absicht. Don Broco sind mit ihrem fünften Studioalbum Nightmare Tripping aus den eigenen Jugendjahren herausgetreten und positionieren sich unmissverständlich als reifere, international ernstgenommene Band. Es ist zugleich ihr erster Release unter Fearless Records – und ein bewusstes Ablegen der alten Haut.
Wer Don Broco bisher kannte, kannte sie für ihre Ironie, ihren schrägen Charme und die Fähigkeit, emotionalen Druck durch Verspieltheit zu entschärfen. Auf «Nightmare Tripping» verabschieden sich die vier Briten von dieser «Strategie». Absurdität und Zynismus weichen Themen wie Kontrollverlust und psychischer Belastung – und die Band trägt diese Last diesmal ohne ironischen Puffer.
Der Ton ist düsterer, der Songaufbau bewusster, die Härte keine punktuelle Überraschung mehr, sondern ein durchgehender Aggregatzustand. Was früher als Kontrast funktionierte, ist nun Grundlage. Das ist ein mutiger Schritt – und er gelingt, auch wenn nicht restlos.
Produktionstechnisch lässt sich die Band von einem Trend tragen, der ihnen sichtlich liegt: Nu Metal erlebt gerade sein unvermeidliches Revival, und «Nightmare Tripping» greift diesen Zeitgeist auf – jedoch nicht nostalgisch, sondern modernisiert. Leadsänger Rob Damianis rhythmische Vocals, zusammen mit Drummer und Backing-Vocalist Matt Donnelly, verankern den Sound im Vibe der frühen 2000er, ohne ihn dort festzunageln.
Durch vorab veröffentlichte Singles wie «Cellophane» oder «Disappear» hatte die Fanbase bereits Hinweise auf den Richtungswechsel erhalten – und die Reaktionen waren gemischt. Die Sorge: zu generisch, zu sehr dem Metalcore-Mainstream angepasst. Diese Befürchtung ist nur halb berechtigt. Don Brocos unverwechselbarer Stil bleibt hörbar, auch wenn der Pop-Anteil deutlich zurückgetreten ist – weniger eingängig, schwerer, lyrisch und musikalisch.
Was die Band nach wie vor auszeichnet, ist ihre Fähigkeit zu radikalen Genre-Wechseln innerhalb eines Albums – diesmal hörbar gezielter als zuvor. Von R&B zu Funk, von Stadionrock zur Ballade: «Nightmare Tripping» bietet für jeden Crossover-Geschmack einen Einstiegspunkt, ohne dabei beliebig zu wirken.
Und doch: Das Album ist das Ambitionierteste, das Don Broco bisher veröffentlicht haben – und genau darin liegt seine Schwäche. Die Vision ist klar erkennbar, aber noch nicht vollständig in Besitz genommen. «Nightmare Tripping» steht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen dem, was die Band war, und dem, was sie sein will. Dieser Schwebezustand kostet das Album an Stellen die Überzeugungskraft, die es anderswo mit Nachdruck einfordert. Was dabei verloren geht, ist Leichtigkeit. Was gewonnen wird, ist Haltung.
«Nightmare Tripping» ist das Album, auf dem Don Broco aufhören, sich hinter Ironie zu verstecken – und riskieren, dabei genau das zu verlieren, was sie einzigartig gemacht hat. Eine klare künstlerische Intention, ein mutiger Schritt nach vorne. Wohin die Reise führt, bleibt offen. Aber dass sie irgendwohin führt – daran lässt dieses Album keinen Zweifel.
Stéphanie P.