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Mit «Monochrome» präsentieren HÉR ein Album, das weniger wie eine Sammlung von Songs wirkt, sondern vielmehr wie ein langsamer, anspruchsvoller Ritus. Das in Danzig gegründete polnische Ensemble schöpft tief aus der poetischen Edda, jenem Fundus altnordischer Weisheitsdichtung, der auch Tolkien inspirierte, als er sein eigenes tragisches Legendarium schuf ("..Thurin" nicht "Der Hobbit"). Wie bei Tolkien werden diese alten Quellen nicht als Museums-Stücke behandelt, sondern als lebendige Materie: dunkel, zerbrochen und unangenehm menschlich.
Der Opener führt einen Gesang ein, der in nordischen Ritualen verwurzelt ist, aber zugleich transkontinental wirkt. Der kehlige Gesangsstil erinnert an das mongolische Khöömii, einen körnigen, obertonreichen Klang, der Zeit und Ort sofort ausser Kraft setzt. Er "beginnt" das Album nicht so sehr, als dass er es heraufbeschwört. Von dort gleitet die Musik in etwas Intimeres und Beunruhigendereres über: eine raue, feurige Erzählweise, die an Tom Waits in seiner nächtlichsten Form erinnert und von verzerrten Jazz-Texturen unterstützt wird, die sich nie in Behaglichkeit einrichten. Gesang ist selten, meist dominieren gesungene Rezitation, wodurch der Eindruck entsteht, dass die Worte eher ertragen als bewundert werden sollen.
«Going Down» vertieft die Trance. Uralte Trommeln wiederholen sich beharrlich und ziehen die Zuhörer in einen hypnotischen Kreislauf, während Bläser-Ausbrüche Chaos androhen, ohne die Vorwärtsbewegung jemals zu unterbrechen. Die Stimme schwebt über allem, distanziert und geisterhaft. Mit «Patience in Observation» scheint die Zeit schier stillzustehen. Das Stück bewegt sich in quälender Langsamkeit ohne Schnörkel und vermittelt Trauer nicht durch Höhepunkte, sondern durch Ausdauer. Es ist Musik, die sich einer Auflösung verweigert die wir auch im Video dazu zelebriert.
«Slipknot» taucht noch tiefer hinab und schwebt über imaginären, gefrorenen Landschaften. Eine tiefe, rituelle Stimme geleitet es und fühlt sich an wie eine Anrufung vergessener Götter. Wenn «Praise The Day» schliesslich ansteigt, dann gewaltsam: Gesänge häufen sich, die Percussion beschleunigt sich und der Klang zerbricht in einen Sturm kontrollierter Verzerrung. Es ist überwältigend, filmisch und absichtlich unangenehm – ein Klangbild einer Welt, die aus allen Nähten zerreisst.
Der abschliessende Titel «Farewell» bringt alles wieder erdig auf schlammigem Boden zurück: langsam, geerdet und traurig, als wäre das Ritual beendet und der Zuhörer müsste verändert zurückkehren. «Monochrome» ist kein leichtes Hörvergnügen und will es auch nicht sein. Es wirkt eher wie Musiktherapie oder spirituelle Konfrontation. Für Zuhörer, die sich zu ritualistischem Jazz, nordischer Mythologie und der tragischen Schwere alter Geschichten hingezogen fühlen – sei es aus der Edda oder Tolkiens neu interpretiertem Norden – ist dieses Album nicht nur hörenswert. Es verlangt danach, hier und jetzt erlebt zu werden.
Lukas R.