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Mit «Etheric Realms of the Night» veröffentlichen IATT (ausgesprochen „ei ät“) nicht nur ein Album, sondern schaffen ein umfassendes audiovisuelles Erlebnis.
Die aus Philadelphia stammende Progressive-Extreme-Metal-Band erweitert ihren ohnehin schon ambitionierten Ansatz, indem sie das Album mit einem durchgehenden Film kombiniert, der aus miteinander verbundenen Musikvideos besteht. Dadurch wird das Hörerlebnis zu etwas, das eher dem Beobachten eines psychologischen Abstiegs in Echtzeit gleicht.
Im Kern erkundet das Album die Phasen des Schlafes und des Träumens (Gaiman’s Sandmann lässt grüssen). Der begleitende Film schärft dieses Konzept zu einer Erzählung: Ein Protagonist, der unter Schlaflosigkeit leidet, greift zu Medikamenten und rutscht in eine zunehmend instabile Traumwelt ab, in der die Grenze zwischen Realität und Illusion zusammenbricht. Jeder Track entspricht dabei einem Kapitel dieses Abstiegs. «Drift Away» leitet die anfängliche Hingabe ein: Sanfte akustische Texturen, Flötenmelodien und Sprechgesang-Fragmente erzeugen eine trügerische Ruhe, bevor die Musik in düstere Intensität zerbricht. Visuell spiegelt dieser Übergang den ersten Schritt der Figur jenseits des Wachbewusstseins wider.
Von da an werden sowohl Klang als auch Bildsprache zunehmend bedrückend. «To Lie Beneath» fängt die Schlaflähmung mit erstickender Dissonanz und hektischen Wechseln ein, während das dazugehörige Video das Gefangensein und den Kontrollverlust betont. «Somniphobia» steigert die Spannung weiter und porträtiert die Angst vor dem Schlaf selbst - seine zerklüfteten Riffs und instabilen Rhythmen spiegeln einen Geist wider, der sich dem Unvermeidlichen widersetzt. Der Film verstärkt dies durch eine fragmentierte Wahrnehmung der Realität, in der Räume und Identitäten verschwimmen.
Der Mittelpunkt des Albums, «Pavor Nocturnus», markiert einen Wendepunkt, an dem die Traumwelt aktiv feindselig wird. Musikalisch chaotisch und rhythmisch unvorhersehbar führt er chorale Elemente und theatralische Intensität ein. Währenddessen suggerieren die Bilder Begegnungen mit Wesen, die sich sowohl symbolisch als auch bedrohlich anfühlen. An dieser Stelle ist die Verschmelzung von Film und Musik besonders wirkungsvoll: Die klangliche Desorientierung wird von beunruhigenden Bildern begleitet, wodurch ein einheitliches Gefühl der Angst entsteht.
Im Verlauf der Erzählung schwindet der Widerstand. «Quietus» wechselt in einen eher nachdenklichen Raum, in dem Melancholie und Akzeptanz miteinander im Einklang stehen. Dies ist keine triumphale Auflösung, sondern eine Kapitulation, die sich in ruhigeren, weitläufigen Arrangements widerspiegelt. «Walk Amongst» zeigt schliesslich, wie der Protagonist vollständig in die Traumwelt übertritt. Seine treibenden Grooves und die unerwartete Saxophonmelodie verleihen dem Ganzen eine fast surreale Eleganz, während die Bilder eine Bewegung durch eine Realität suggerieren, die nicht mehr an die physische Welt gebunden ist.
Der abschliessende Track «Hypnos» fungiert sowohl als Epilog als auch als Transformation. Ambient-Texturen und wiederkehrende Motive vermitteln den Eindruck eines neuen, dauerhaften Seinszustands. Der Film vollendet diesen Bogen, indem er andeutet, dass der Protagonist nicht mehr durch Träume navigiert, sondern in ihnen lebt.
Musikalisch verwischt IATT weiterhin Genregrenzen und kombiniert Black- und Death-Metal mit progressiven Strukturen, orchestralen Schichten und jazzigen Passagen. Was dieses Album jedoch besonders auszeichnet, ist die enge Verknüpfung dieser Elemente mit dem narrativen Rahmen. Der Film ist keine blosse Zugabe, sondern eine Erweiterung der Intention des Albums und verstärkt dessen emotionale und konzeptionelle Wirkung. Wenn dies nicht ein Kandidat für ein Planetarium Konzert ist, dann weiss ich nicht. Werde auf alle Fälle mal schauen ob die mal in der Schweiz vorbeikommen und ihnen dieses Konzept des Verkehrshaus in Luzern als Venue vorzustellen.
«Etheric Realms of the Night» lässt sich am besten als Ganzes erleben. Klang und Bild zusammen. Es fordert Aufmerksamkeit und belohnt diese mit einem seltenen Mass an Immersion. Dabei liefert es ein überzeugendes Beispiel dafür, wie sich Extreme Metal über das rein Auditive hinaus zu einer multidimensionalen Form des Geschichtenerzählens entwickeln kann.
Der Film erscheint am 24. Juli 2026, 9 Uhr morgens, alle Info dazu findest du hier . Zum Film schreibt die Band folgendes: Das Ergebnis ist ein cineastisches Gesamterlebnis, das darauf ausgelegt ist, in seiner ganzen Form aufgenommen zu werden – ein Werk, in dem Musik, Bild, Symbolik, Performance und Atmosphäre im Gleichklang wirken." IATT erweitern damit die emotionale und konzeptionelle Reichweite des Albums und verwandeln es in etwas, das nicht nur gehört, sondern auch gesehen, gefühlt und vollständig erlebt werden kann.
Lukas R.