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Metal Factory since 1999
Shane Brady ist einer der stillen Architekten des Sounds der Ellis Mano Band: Er steht nicht im Rampenlicht auf der Bühne, spielt aber eine absolut zentrale Rolle für die emotionale Identität der Songs.
Als langjähriger Texter der Band hat der in Irland geborene Brady den Aufstieg der Gruppe mit mehreren Chart-Erfolgen mitgeprägt und ihrem Blues-Rock Gewicht, erzählerische Farbe und eine literarische Note verliehen, die ihn über das übliche Genre-Schaffen hinaushebt. Während des Besuchs von Metal Factory im "Balik Studio" hatte ich das Vergnügen, Brady persönlich kennenzulernen und zu beobachten, wie eng er mit Chris Ellis zusammenarbeitet: Während der Rest der Band in einem separaten Raum aufnahm, sass Brady neben Chris auf dem Sofa im Gesangs-Raum, und die beiden diskutierten Zeile für Zeile, wie bestimmte Wörter interpretiert, gewichtet und ausgesprochen werden sollten. Dieser enge kreative Austausch machte eines unmissverständlich klar: Brady liefert keine austauschbaren Texte, sondern Geschichten, Stimmungen und Bilder, in die Chris voll und ganz eintauchen kann – und um die Ellis Mano Band zu verstehen, muss man auch den Mann hinter so vielen ihrer denkwürdigsten Zeilen verstehen.
"There's a road and it's runnin' right through the valley
Up ahead at the crossroads there's always a jam
Down on the corner in a dirty little street back alley
Johnny met his fate and Susie met her man"
"Da ist eine Strasse, die mitten durch das Tal verläuft,
weiter vorne an der Kreuzung staut es sich immer,
unten an der Ecke, in einer schmutzigen kleinen Hintergasse,
traf Johnny sein Schicksal – und Susie traf ihren Mann."
MF: Ohne zu viel zu verraten: In welche Gefühlswelt werden die Fans eintauchen, wenn sie das nächste Album zum ersten Mal hören und eine Welt erkunden, die sie auf «Morph» noch nicht kennen?
Shane: Hmm, ich würde sagen, es tendiert insgesamt zu einem gewissen Element von Hoffnung und Positivität. Selbst angesichts des Chaos, in dem sich die Welt derzeit zu befinden scheint. Ich habe miterlebt, wie sich diese Songs von den ersten Ideen bis zum fertigen Ergebnis entwickelt haben. Sie alle zeugen von echter Selbstdarstellung, unabhängig von den Meinungen der Zuschauer, beziehungsweise Zuhörer. Diese Jungs machen einfach genau das, was sie wollen!
MF: Gab es beim Schreiben des neuen Albums einen Moment, in dem du bewusst gedacht hast: "Das ist anders als die Art, wie ich auf dem letzten Album mit Worten umgegangen bin"? Was hat sich geändert?
Shane: Oh ja, auf jeden Fall! Ich schätze, Menschen verändern sich im Laufe der Jahre...
Obwohl viele dieser Themen "universell" sind, da sich die Leute zumindest mit bestimmten Teilen, Geschichten und Ideen in ihrem eigenen Leben und dem, was sie selbst gerade erleben, identifizieren können, spiegeln die Songs natürlich die Schnitt- und "Kreuzungspunkte" im Leben und in den Ansichten von Chris, Edis und mir wider.
MF: Eure Songs wirken sehr gelebt. Sind es hauptsächlich erlebte Geschichten, erfundene Figuren oder Fragmente, die ihr durch die Beobachtung von Menschen in eurem Umfeld gesammelt habt... , vielleicht sogar aus den täglichen Nachrichten?
Shane: Chris und ich verbringen viel Zeit miteinander, wenn es "Zeit zum Schreiben" ist. Er ist extrem gut über aktuelle Weltgeschehnisse informiert (viel besser als ich), und ich höre zu und lerne von seinen eloquenten und leidenschaftlichen Ausführungen. Das macht viel Spass, wir lachen viel und es ist immer ein echtes Highlight, wie ein saisonaler Feiertag. Was die Figuren angeht, kann ich manchmal aus persönlichen Erfahrungen und den Turbulenzen des Lebens schöpfen. Oft geben auch die Melodien und Stimmungen der Songs, ihr Tempo und Stil die Richtung vor, die wir einschlagen werden. Die Texte lassen sich letztendlich immer finden, wenn wir "nach innen schauen", wenn du verstehst, was ich meine.
MF: Du lebst in der Schweiz, hast aber irische Wurzeln. Schleicht sich jemals etwas "Schweizerisches" in die Texte ein, und wie viel von Irland spricht noch durch sie?
Shane: Die irische Art, Sprache zu verwenden, ist weithin als eine malerischere und anschaulichere Version des Englischen bekannt. Daran halte ich gerne fest! Das Leben in der Schweiz hat mich jedoch auch mit anderen nicht-englischsprachigen Textern in Kontakt gebracht. Ich würde sagen, dass mich die Texte von Patent Ochsner mit ihrem schlichten und einfachen Pragmatismus tatsächlich über den Tellerrand hinausblicken lassen haben. Leider neigen viele englischsprachige Songwriter – zumindest meiner Meinung nach – dazu, ziemlich repetitiv zu sein, und man hört immer wieder dieselben Phrasen. Wenn ich in Supermärkten Popmusik höre, verspüre ich manchmal das Bedürfnis, schnell zu verschwinden, um dieser absoluten Langeweile zu entkommen! Auch die Berliner Band Element Of Crime hat wunderbare Texte, die ich wirklich gerne höre. Es gibt so viele gute Texter in der Schweiz und in Deutschland, was meine englischsprachigen Freunde und Kollegen wohl einfach nicht zu schätzen wissen, da ihnen die Sprache nicht vertraut ist.
MF: Wie entsteht ein Text eigentlich in der Welt der Ellis Mano Band? Geht ihr von einem Thema aus, das euch die Band vorgibt, von der Musik selbst oder von einem einzelnen Wort, das euch einfach nicht aus dem Kopf geht?
Shane: Das "Wort, das einfach nicht aus dem Kopf geht", ist immer eine Sache von Chris Ellis. Diese Wörter und Phrasen tauchen auf, wenn er mit der Band Songs schreibt und Melodien ausprobiert. Oft kommt er mit einzelnen Wörtern oder Phrasen daher, die perfekt zur Melodie passen. Das kann für mich ein Segen oder ein Fluch sein. Letztendlich bauen wir die Gedanken und Worte jedoch meist um diese ersten Entwürfe herum auf. Nach langen Gesprächen, Mahlzeiten, ein paar Gläsern Wein, Meinungsverschiedenheiten, Lachen und Spaziergängen im Wald mit den Hunden haben wir meistens einen Song und einen Songtitel.
MF: Hast du jemals einen Text geschrieben, den die Band abgelehnt hat? Und wenn ja, was führt normalerweise dazu, dass ein Text nicht in einen Song der Ellis Mano Band passt?
Shane: Nun, das ist noch nicht passiert! Die Art und Weise, wie wir beim Schreiben der Texte vorgehen, ist immer dieselbe: Chris und ich sind über einen gewissen Zeitraum zusammen und halten alle Ideen und Gedanken fest. In der ‘nach innen gerichteten’ Phase bringe ich die Zeilen in den ruhigen ein oder zwei Stunden zu Papier. Wir neigen beide dazu, denselben ‘Cringe-Lyrics-Polizisten’ in uns zu haben, und die ‘Neeeh’- und ‘Ablehnen’-Knöpfe kommen oft zum Einsatz!
MF: Mit «Stray» habt ihr etwas ungewöhnlich Bewegendes und Zerbrechliches geschaffen – welche Geschichte oder welches Gefühl steckt für euch hinter diesem Song?
Shane: Ah ja, das ist ein echter Knaller von einem Song. Chris hat ein grosses Herz für Rettungs-Hunde und hat drei liebe Hunde aus dem Tierheim bei sich zu Hause. Sie sind sozusagen Familie. Ich habe immer bewundert, wie gut diese süssen Wesen gepflegt und geliebt werden. So kam das Thema Haustiere als Weihnachts-Geschenke auf und wie viele einfach weggegeben werden, wenn sie keine Welpen mehr sind. Es ist ein Song über bedingungslose Liebe und wahre Treue.
MF: Chris klingt oft so, als hätte er jede Zeile, die er singt, wirklich selbst erlebt. Wie entsteht diese Authentizität zwischen euch? Liegt es daran, dass ihr schon so lange zusammenarbeitet und fast zu einer Einheit verschmolzen seid?
Shane: Chris, Edis und ich arbeiten nun schon seit fünfzehn Jahren zusammen – in einem früheren Musikprojekt. Daher kennen wir uns, würde ich sagen, ziemlich gut. Es hat nicht lange gedauert, bis aus blossen musikalischen Kollegen echte Freunde wurden. Mit der Zeit wissen wir, dass wir füreinander da sind, in guten wie in schlechten Zeiten – und das waren wir auch wirklich. Es ist also nicht nur eine Zusammenarbeit, bei der wir uns hinsetzen und Songs und Texte entwickeln. Die langjährige Freundschaft macht den Prozess persönlicher und natürlicher.
MF: Wenn du endlich einen fertigen Song mit deinen Texten hörst, mit voller Bandbesetzung und im finalen Mix..., wie fühlt es sich an, deinen Text in der Musik zu hören und zu erleben?
Shane: Es ist schön! Die Zeilen wecken Erinnerungen und Momente im Leben. Chris Ellis' kraftvoller, ausdrucksstarker Gesang treibt die Songs in die Zukunft. Sie werden bei jedem Auftritt neu geboren!
MF: Gibt es Texterinnen und Texter oder Bands, die deine Art zu schreiben beeinflusst haben oder deren Art Geschichten zu erzählen du besonders bewunderst?
Shane: Es gibt eine ganze Reihe unglaublich guter Texter. Der Meistererzähler ist natürlich Bob Dylan mit seinem breiten Spektrum an Songs, die er über die Jahrzehnte geschrieben hat. Justin Currie (bekannt von Del Amitri) ist ebenfalls ein hervorragender Texter. Ich mag auch die selbstironischen und leicht zynischen Texte von Donald Fagen von Steely Dan, in denen immer ein Hauch von Humor mitschwingt ... Derzeit ist es wohl das Leben selbst und die Praxis, die Zeilen und Antworten in meinem eigenen Herzen und Verstand zu finden, ohne all diese bisherigen Lebenserfahrungen auszuschliessen.
MF: Gibt es ein Thema, das du schon immer mit der Ellis Mano Band erkunden wolltest, aber noch keine Gelegenheit dazu hattest, also etwas, das noch auf deiner persönlichen Wunschliste steht?
Shane: Oh, gute Frage! Wir haben schon so viele Themen angesprochen, obwohl es ja unendlich viele Dinge gibt, über die wir schreiben können. Von Hunden bis zum Weltuntergang haben wir schon ziemlich viel abgedeckt.
Meine Wunschliste? Es wäre vielleicht schwer umzusetzen, aber ich würde gerne ein Gefühl friedlicher Existenz beschreiben, vielleicht einen flüchtigen Moment, ein Gefühl der Zufriedenheit und Erfüllung, des Wissens und der Einheit mit dem Leben selbst. Es wäre eine Herausforderung, einen solch erstrebenswerten Geisteszustand mit Worten zu beschreiben und vor allem auf eine bodenständige, pragmatische Weise lesbar zu machen.
Ich glaube, ich hatte dieses besondere Gefühl tatsächlich einmal. Ich sass auf einem Hügel auf Inis Oirr, einer kleinen Insel vor der Westküste Irlands. Ich war zwölf Jahre alt. Es war ein warmer, sonniger Tag. Als ich den Hügel hinunterblickte, über den Strand hinweg bis zum Meer, sah ich ein kleines Fischerboot, das sich langsam durch das türkisblaue Wasser bewegte. Plötzlich war es da, dieses Gefühl, das ich nur als eine Art "Einssein" mit dem Universum beschreiben kann. Ich sagte mir damals: "Vergiss diesen Moment niemals", und ich denke oft daran zurück.
MF: Danke für den tollen Tag bei euch, und es ist mir eine grosse Freude, dich kennengelernt zu haben.
Shane: Danke für die guten Fragen und hoffentlich bald beim nächsten Konzert der Ellis Mano Band!